Schiffbruch

Coinstantin-Hahm-Blog-Schiffbruch-2018

Seit einigen Wochen war die Stimmung in der Agentur gereizt. Man wollte mich loswerden, ausbooten, abschießen, versenken. Besonders das weibliche Personal in dieser Agentur war gegen mich. Mein Job bestand darin, Vorschläge für Produktwerbung zu machen, die dann filmisch umgesetzt werden sollten. Dabei versuchte ich neue Wege zu beschreiten, auf denen mich aber niemand von diesen ignoranten, bornierten und restlos rückständigen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen unterstützen wollte. Wie oft hatte ich schon  darauf aufmerksam gemacht, dass die Zeit der simplen Einzelproduktanpreisung zu Ende sei, aber von den Leuten hier hatte das noch keiner mitbekommen. Es genügt nicht mehr, erklärte ich mit Kopfstimme und erhöhtem Blutdruck, dass da eine Frauenhand ein Waschmittel hochhält und behauptet, weißer ginge es nicht mehr. Nein, betonte ich, wir müssen kurze Filme zeigen, die so aussehen als seien sie Trailer für Kinofilme, spannend erzählt, mit Spezialeffekten und allem was heute moderne Filmtechnik ausmacht. Aber das Wichtigste, sagte ich zu diesen Käsegesichtern, ist die Story, die Geschichte. Wenn die nicht stimmt, könnt ihr euch die Babyscheiße in die Haare schmieren, weil kein Kunde die von uns angepriesenen Windeln kaufen wird. Uns ist doch allen klar, dass wir an zwei Fronten kämpfen. Auf der einen Seite hat uns der Kunde damit beauftragt, sein Produkt, diese verkackten Windeln zum Beispiel an das Baby zu bringen. Wir müssen also den Kunden, der diese Windeln herstellt, davon überzeugen, dass unsere Umsetzung, die ja darauf abzielt, dass der Kleinkunde, also diese vielen Mütter und Väter, die völlig orientierungslos in den Supermärkten nach passenden Windeln für ihre kleinen Scheißer suchen, Orientierung bekommen. Wir müssen also diese Mamis und Pappis davon überzeugen, dass sie nur glücklich werden, wenn sie die Windeln von unserem Anbieter kaufen. Das ist das Ziel. Und das gilt für alle anderen Produkte auch. Meine Idee ist nun nicht mehr ausschließlich ein Produkt anzupreisen, sondern in einem Zuge gleich mehrere. Die Artdirektorin, die mich nicht leiden konnte und das nur, weil ich ein gut aussehender Heteromann bin, der dieser Kreativhexe noch nie an die Wäsche gegangen war, legte wie nicht anders zu erwarten, ihren Montblancfüller auf einen Stapel Schreibmaschinenpapier und fragte die völlig unfähige Hospitantin, eine Grafikdesignstudentin im sechsten Semester, ob sie bitte so freundlich wäre, ein Memo von dieser Sitzung abzufassen. Ausgerechnet diese Maike, die sich im Flur auf dem Weg zum Fotokopierer grundsätzlich verläuft, dabei braucht dieses Mädchen nur achtzig Meter gerade aus zugehen, aber nein, die landet grundsätzlich erstmal in der Küche und trinkt Biotee und dann, nachdem sie von ihren Surfabenteuern am Timmendorfer Strand erzählt hat, dann fragt sie, wo denn der Fotokopierer stehen würde. Klar, das findet diese Maike witzig. Ich bin kein Anhänger von Verschwörungstheorien, aber in diesem Fall machte ich mir schon so meine Gedanken. Timmendorfer Strand? Da surfen Sie, fragte ich. Da gibt es doch kaum Wellen. Wenn Sie mir sagen würden, Sie würden in Australien surfen, Whitehaven Beach etwa, das würde mich beeindrucken. Sie habe nicht die Absicht mich zu beeindrucken, antwortete diese Maike frech. Und in Down-Under wäre sie schon viermal gewesen. So würde sie auch aussehen, antwortete ich. Sie müsste sich hier nicht von mir beleidigen lassen, patzte sie zurück. Wer sagt Ihnen denn, dass ich Sie beleidigen wollte, grinste ich. In diesem Moment rauschte die Artdirektorin in die Küche. Was hier los wäre, wollte sie von mir wissen. Was fragen Sie mich das, schoß ich zurück. Sie sind hier im Augenblick der Dienstälteste, fauchte sie. Jetzt nicht mehr, grinste ich. Darauf bekam die Artdirektorin den Mund nicht mehr zu. Das Leben ist grandios, sagte ich, das Leben gehört allen. Meine Tage hier in Agentur wären gezählt. Das würde ihr die Berufserfahrung sagen. Am besten wäre, ich würde mein Immunsystem stärken, Vitamine, vegane Kost, denn es kämen harte Zeiten auf mich zu. Sie ginge jetzt zum Fotokopierer, sagte diese Maike. Ich werde es Ihnen nicht verbieten, aber aufpassen, nicht verlaufen. Wenn hier einer ohne Orientierung wäre, dann wohl ich, hörte ich noch ihre Antwort. Und wenn ich Sie von hinten sehe, habe ich nur einen Wunsch, erwiderte ich. Das sei eine eindeutig frauenfeindliche Bemerkung und würde den Strafbestand der sexuellen Belästigung erfüllen, sagte die Artdirektorin. Ob sie glauben würde, ich würde nicht merken, was sie hier abziehen würde? Männermobbing, Männerbashing. In diesem spannenden Augenblick kam der Agenturchef auf einen Kaffee in die Küche. Wie er sähe, würden sich seine Mitarbeiter gerne in der Kitchinette aufhalten, denn bei seinem Rundgang durch die Agentur seien von sieben Arbeitsplätzen sechs unbesetzt gewesen. Ob man bei dieser Einstellung die Etathöhe von 15 Millionen halten könne? Oder wollt ihr Pfeifen vielleicht, dass ich den Laden zu mache? Ich kann es mir leisten, aber ihr? Ihr seid doch nur eine  lächerliche Ansammlung von kleinen glitschigen Fröschen, die zum beruflichen Laichplatz hopsen. Was es da zu grinsen gäbe, wollte der Agenturchef wissen. Ich muss diesen Menschen beschreiben. Er war der Vater der Agentur und wir waren seine Kinder. Er habe uns hier einen Platz hingestellt, ein Zuhause,  in welchem wir uns kreativ austoben könnten. Aber wer nicht nach seinen Regeln toben würde, müsste sich einen anderen Spielplatz suchen. Dabei sah er mich aus seinen grauen Flackeraugen warnend an. Ich sagte, ich reise gerne. Dazu würde ich schneller Gelegenheit haben als ich bis zwei zählen könne, sagte er. Die grauen Augen erinnerten mich immer an diese Gänse aus Norwegen. Der Agenturchef war einfach das geborene Leittier, deshalb sagte ich, wenn ich einmal wieder geboren werden sollte, würde ich gerne so sein wie er. Für den Satz würde er mir aber keine Jobgarantie geben, sagte der Leitwolf. Diese Agentur läuft nur, wenn wir immer bessere Ideen haben als diese anderen Scheißer, sonst…er schenkte sich Kaffee ein, wobei die Artdirektorin ihm den Zuckerstreuer wegnahm. Zucker sei nicht gut für die Kreativität. Da wäre ich ja ein gutes Beispiel. Ich würde immer Vollmilchschokolade fressen, völlig krank sei das,  Tafelweise, und dazu auch noch schmatzen. Dass Schokolade aus Milch und Zucker hergestellt würde, wäre mir vollkommen egal. Die Milch stamme von Kühen, die verbittert auf den Almen stünden, verbittert, weil der böse Bauer der Kuh das Kälbchen wegnimmt und das Kälbchen umgebracht wird und zu Burgerfleisch verarbeitet wird, aber die dumme Kuh produziert weiter Milch, weil sie glaubt, sie müsse ihr Kälbchen ernähren. Das sei doch Tierquälerei. Aber ich hätte eben nur ein absolut jämmerliches Männer- und Umweltbewusstsein. Zum Glück würde meine Rasse bald aussterben. Chef, sagte ich, so werde ich hier seit Monaten belästigt. Nur, weil ich gut aussehe und unverheiratet bin. Und ich mich nur für intelligente Mädels erwärmen kann. Aber da in der Agentur bedauerlicherweise vom weiblichen Personal niemand intelligent wäre, können mich diese Damen hier auch nicht reizen. Und das nehmen sie mir übel, diese Kreativbestien. Und deshalb rutscht die Agentur auch langsam in die Grütze. Oder in die ranzige Muttermilch. Das sagte ich. Es gibt Sätze, nach denen kann kein Satz mehr kommen. Das sind die Endgültigkeitssätze, die Ewigkeitssätze und mit so einem hatten wir es jetzt in dieser Schickimicki-Kitchenette zu tun. Sätze dieser Art wirken wie Hohlmantelgeschosse. Ist meine Spezialmunition. Und ich feuerte noch einen Schuß ab. Ich kenne euch alle mit Namen, drohte ich mit Googleaugen, ich weiß, was ihr heimlich macht, was ihr für ein unanständiges Zeug treibt und ich spreche vier Sprachen fließend, damit will ich sagen, dass ich keine Untertitel im Film Leben brauche, so ein Kreativgenie wie ich es bin, lässt sich doch nicht von einer Horde durchgeknallter Feministen fertig machen. Ich wäre doch hier nicht der verbale Aufwischlappen. Der Leitwolf meinte, ich solle mich mal abregen. Die Artdirektorin meinte, meine unkontrollierte Wortkotze werde durch den Überfluss an Zucker noch verstärkt und diese Maike, die auf ihren roten Sneakers durch die Küche rutschte, als sei sie beim Eiskunstlauf, verkündete, sie habe den Fotokopierer gefunden, ganz ohne Navi. Tolle Wurst, meinte der Leitwolf und schaute auf seine Armbanduhr, die ich sofort als eine EPOS Kollektion Emotion 3395 identifizierte. Um 14 Uhr treffen wir uns im kleinen Sitzungsaal (interne Bezeichnung: Das U-Boot). Dann kann uns das Kreativgenie Birnbaum mal vortragen, wie wir diese Knorrsuppenkampagne an Bord hieven. Falls sich Herr Birnbaum nicht vorher das Leben nimmt, meinte die Artdirektorin. Maike kicherte. Den Gefallen werde ich Ihnen nicht tun. Schade.

Um vierzehn Uhr begann das Meeting. Also, jetzt mal alle den Fantasyknopf drücken, sagte ich. Achtung, fertig, los. Dunkle Nacht, der Sturm brüllt, der Sturm faucht, der Sturm kreischt, der Sturm jault. Turmhohe Wellen, Gischt, Regen, Donner, Blitze. Und in diesen entfesselten Elementen, in dieser nassen heulenden Hölle, in diesem Inferno,  kentert ein Schiff, ein nostalgischer Teakholzschoner. Die Masten brechen weg, die Takelage klatscht gegen den Rumpf, eine Riesenwelle dreht das Schiff, als sei es ein Brotteig beim Bäcker. Ende. Cut. Der nächste Tag. Blauer Himmel, das Meer ruhig, die Sonne scheint, als sei witterungsmässig nie etwas anderes geschehen. Und jetzt genau hinschauen. Ein Mädchen wird an den Strand gespült. Splitternackt. Allein dieses Bild steigert die Quote. Und warum? Weil der Zuschauer neugierig wird. Der weiß nämlich nicht, um was es geht. Das Mädchen erwacht. Es schaut sich erstaunt um. Es kann gar nicht begreifen, was geschehen ist. Es weiß auch nicht, wo es sich befindet. Es liegt nur verdutzt auf dem Bauch im Sand, schaut erst nach links, dann nach rechts. Froschperspektive. Der Strand ist breit, der Strand ist weit, der Strand ist sauber. Weißer warmer Feinsand. Wie im Prospekt. Am Uferrand Palmen. Es ist warm. Angenehm geradezu. Die Sonne trocknet  den nackten Körper. Die junge Dame ist hübsch. Sie erhebt sich. Sie ist wirklich gut gebaut. Ein Hingucker. Pralle Brüste, schmale Taille, runder Po, kräftige Beine. Der Körper leicht gebräunt. Bis auf den einteiligen Badeanzug, welchen das Mädchen getragen haben muss, denn der hebt sich gut sichtbar heller ab. Das wollen die Leute sehen. Dann buchen die sofort eine Fernreise in die Karibik. Kontakt wird eingeblendet. Wir müssen an das Unterbewusstsein dieser Konsumgurken ran. Wie gesagt, dieses Mädchen trug mal einen aufreizenden Badeanzug, einen von der Sorte, die immer so verführerisch verrutschen und die Pobacken zeigen. Wo kann man den bestellen? Kontakt wird eingeblendet. Das Mädchen putzt sich mit den Händen den feinen Sand vom Körper. Von den Brüsten, dem Bauch und den Pobacken. Sand vom Baumarkt wird eingeblendet. Es schaut aus, als gäbe sich das Mädchen selbst ein paar Klapse hinten drauf. Hat sie vielleicht auch verdient. Wer weiß? In welche Richtung soll sie gehen? Nackt wie sie ist? Diese süße Venus. Nun, sie geht in die Richtung, in der sie etwas Dunkles am Strand liegen sieht. Sie kann nicht erkennen was es ist. Aber nach ein paar Minuten steht sie vor einem angespülten Koffer. Sie öffnet den Koffer. Was ist drin? Eine Kollektion winziger Slips, alle in schwarz und alle von der Sorte, wie sie freche Mädchen gerne tragen, also hinten nur ein Bänzel, mehr nicht. Modemarke wird eingeblendet. Immerhin. Besser als nichts. Das Mädchen zieht eines dieser Höschen an. Jetzt fühlt sie sich nicht mehr so nackt, obwohl sie merkwürdigerweise erst mit dem Höschen richtig nackt wirkt. Sie nimmt den Koffer und schleppt ihn unter eine Palme. Dabei fällt sie hin. Das sieht sexy aus. Eingeblendet wird eine Heilsalbe. Im Schatten der Palme ruht das Mädchen aus. Warum weiß niemand, aber sie fängt an die Slips zu zählen. Es sind 48. 48 Slips. Immerhin. Aber zum Überleben wird das nicht reichen. Zum Überleben braucht man noch ein paar andere Dinge. Das weiß das Mädchen. Kontakt Fernstudium: Überleben in der Wildniss. Aber das Schicksal ist gnädig. In den Wellen schwimmt noch eine Kiste. Das Mädchen springt in die Wellen. Ein entzückender Anblick. Das Wasser spritzt an ihren Körper. Das Mädchen sieht aus wie ein schöner Fisch, eingeblendet: Angelurlaub in Norwegen.  Sie zerrt die zweite Kiste aus der Brandung. Was mag in der Kiste sein? Es ist die Kiste vom Schiffskoch. Das Mädchen findet eine weiße Schürze, drei Kochmützen, sechs Kochlöffel, ein Messer, einen Spiritusbrenner und Streichhölzer. Eine Schachtel mit Gewürzen, ein Sparbuch, einen Pass, einen breiten Ledergürtel und zwei Paar Turnschuhe (Convairs). Immerhin. Die Turnschuhe passen. Das Mädchen bindet sich die Schürze um. Immerhin. Nun sind ihre Brüste verdeckt. Die dummen Dinger. Von hinten betrachtet sieht das Mädchen zwar immer noch mehr als nackt aus, aber das wirkt reizvoll. Die Schürze ist übrigens aus weißem Gummi und glänzt. In diesem Aufzug steht unsere Venus da. Und wieder eine Kiste. Ja, hört das denn gar nicht auf mit diesen Kisten? Und wieder in die Brandung. Und wieder klatschen die Wellen an den Körper der Venus, als wollten sie sie begrüßen, um mit ihr zu spielen. Und was ist in der dritten Kiste? Lebensmittel? Tatsächlich. 300 Tütensuppen der Marke Knorr. Zum Aufbrühen. Gerettet. Bingo.

Im U-Boot war es so still, als würde der Wasserstoffbombenangriff eines feindlichen Zerstörers unmittelbar bevorstehen. Und, sagte ich, ich weiß auch, wer das Mädchen spielen soll. Ich weiß, wer dazu gerade prädestiniert ist. Es ist, Spot an,  unsere Maike. Die bringt alle Voraussetzungen mit, dieses Mädchen zu spielen. Maike, das führt direkt nach Hollywood. In die Saustudios vom Herrn Weinstein, bemerkte die Artdirektorin sichtlich sittlich empört. Sie, die Artdirektorin, würde ja altersbedingt nicht mehr für diese Rolle in Frage kommen, antwortete ich, aber unsere Maike schon. Also Maike, sprach ich die junge Dame nun direkt an, nutzen Sie diese einmalige Chance. Oder wollen Sie bis zur Rente hier Kaffee aufbrühen, den Fotokopierer suchen und Tintenpatronen wechseln? Falls Sie nicht vorher gekündigt werden, weil das U-Boot versenkt wurde. Was machen Sie dann? Jemand mit der Begabung von Maike findet immer eine Anstellung, zeterte die Artdirektorin. Ob sie vielleicht lesbisch wäre, wollte ich von der Zeterziege wissen. Sie würde auf mich den Eindruck einer Lesbe machen. Ob ich schwul wäre, ich würde auf sie, die Artdirektorin, den Eindruck machen, ich sei homosexuell. Dazu noch einer von der verklemmten Sorte.
Wie kommen Sie darauf?
Ihre Kleidung verrät Sie. Welcher Heteromann trägt schon gelbe Lederschuhe?
Das war ein Sonderangebot aus der Bucht.
Und Sie haben diese Dinger gekauft? Gelbe Schuhe? Machen Sie doch mal eine Recherche über gelbe Schuhe.
Die Schuhe waren ein Geschenk von meiner Freundin.
Freundin? Sie haben doch gar keine Freundin.
Woher wissen Sie das?
Sie kauen an den Fingernägeln. Männer, die an Fingernägeln kauen haben keine Freundin. Hätten Sie eine, würden Sie nicht Nägel kauen.
Sie sind doch bloß beleidigt, weil ich mich mehr für Maike interessiere als für Sie. Aber ich kann Sie beruhigen, Maike ist überhaupt nicht mein Typ. Jemand, der nach drei Wochen bei uns immer noch nicht weiß, wo der Fotokopierer steht, ist nichts für mich. Ich brauche eine Partnerin mit Orientierungssinn, nicht jemanden, der sich immerzu verläuft. Wie soll denn das im Urlaub gehen? Die steht doch nur am falschen Schalter und sitzt im falschen Flieger.  Aber es geht hier nicht um persönliches, sondern für mich steht in erster Linie die Agentur im Vordergrund.
Bei diesen Worten sah mich der Leitwolf mit Tränen in den grauen Augen an. Der Mann war knapp über fünfzig und wirkte auf mich ausgebrannt wie ein alter Eisenofen. Mich würde es nicht wundern, wenn ihm, dem Leitwolf, in seinen letzten Lebensminuten grauer Rauch aus den Ohren dampfen würde. Der Mann war reif für den Schrotthändler, aber wer sollte ihm das sagen? Ich vielleicht? Nein, nein, dazu bin ich zu gut erzogen. In seinem Büro stand ein hochmoderner Applecomputer. Aber den machte der Leitwolf nie an. Er hasste Computer und somit hatte er technisch vollkommen den Anschluss an die digitale Welt verloren. Was ihn noch rettete, war seine Erfahrung, die er in der analogen Steinzeit gesammelt hatte. Und mit dieser Pirschnase zog er Aufträge in die Agentur. Schon seit Jahren hatte er ein Verhältnis mit der Artdirektorin. Oder sie mit ihm. Einmal habe ich die beiden in flagranti erwischt. Die Herrschaften lagen im Büro auf einem Teppichteil, welches  mit diesen albernen Hüpfmännchen von Keith Haring oder Hering bedruckt war. Der Leitwolf auf dem Rücken, die Artdirektorin hockte auf seinem Brustkasten, würgte den Leitwolf, der schon röchelte wie ein Eber, der am ersticken war und sie keuchte: Ich bring dich um, ich bring dich um. Ich fragte, ob ich behilflich sein könne. Die Artdirektorin, die zu der Zeit auf wilde Zora machte und sich die Haare rot gefärbt hatte, lockerte ihren Würgergriff. Der Leitwolf fuhr mich an, ob ich nicht sehen könne, dass er sich in einer privaten Besprechung befände? Ich weiß, darüber kann auch niemand mehr lachen. Ist mir aber jetzt mal scheißegal, ob der Leser, gleich welchen Geschlechts er auch ist, lacht oder nicht lacht. Ich schreibe nur auf, was ich erlebt habe.

Zurück ins U-Boot. Nachdem ich meine verbale Präsentation beendet hatte, herrschte Stille. Wie ich diese Stille bewerten würde, fragte mich nach einigen Minuten, die mir wie Jahrhunderte vorkamen, der Leitwolf. Nun, sagte ich, eine Dialogverweigerung mag ich nicht zu erkennen, mehr wohl ein bewunderndes Schweigen, denn wie Sie sicher alle zugeben werden, sind meine Vorschläge brillant. Alles hängt jetzt von unserer Maike ab. Doch fragen wir das schöne Kind doch einmal direkt. Liebe Maike, seitdem Sie uns mit Ihrer lieblichen Anwesenheit die tristen Tage in dieser Agentur veredelt haben, hat sie ein jeder lieb gewonnen und wir wären alle gern der Fotokopierer, nach dem sie immer suchen. Wir hatten schon viele Hospitantinnen. Gott, wenn ich da nur an diese alles besser wissende chinesische Austauschstudentin denke, die jedem von uns die Arbeit, die schnelle Arbeit am Bildschirm erklären wollte. Mir nicht, brummte, der Leitwolf. Als sie mich damit nervte, habe ich sie achtkantig rausgeworfen. Oder diese Gisela aus Flensburg, die ihren acht Monate alten Säugling Herbert ohne Ankündigung mit in die Agentur bringt. Uns waren natürlich die Hände gebunden. Und beim Brust geben, spritzte immer Muttermilch auf die Tastatur und Windeln lagen auf dem Küchentisch und alles stank nach Babyscheiße oder Babykotze. Ob sie das Kind nicht eine Krippe gegen könne? Erinnert ihr euch noch an das empörte Gezeter? Als ob der Fuchs in den Hühnerstall eingedrungen wäre. Das wäre Diskriminierung am Arbeitsplatz und so weiter. Dagegen ist unsere Maike einfach ein Schatz. Und Sie haben alle Voraussetzungen zum Filmstar, bog ich mich wieder Richtung Maike, die sich ganz verlegen am linken Ohr kratzte. Wir brauchen nur Probeaufnahmen. Probeaufnahmen, wiederholte die Artdirektorin, nicht zu fassen, das Ganze. Ohne Innovation kein Erfolg, gab ich zurück, und wie hier wohl jeder weiß, lege ich keinen Wert auf Komfort bei beruflichen Entscheidungen, bei mir tut es auch ein schlichter Stuhl am Schreibtisch. Ob das eine Anspielung auf ihre neue Büroeinrichtung sein solle? Sie, die Artdirektorin, könne nun einemal nicht in einer unästhetsicehn Umgebung denken. Deshalb wäre sie auch sehr dankbar, wenn ich mich mal wieder rasieren würde. Das nenntent sich Drei-Tagebart, den tragen alle Kreativen, um an zudeuten, dass sich hier in Arsch aufreißen, denn, falls es Ihnen entgangen sein sollte, die Anforderungen, die an die Agentur gestellt werden, sind von Jahr zu Jahr schwieriger geworden. Also mit Wellness hat das hier nichts zu tun. Wer oben im Sattel bleiben will, muss unbarmherzig die Sporen einsetzen. Bei diesen gewaltigen Sprachbildern, könne sie nur davon ausgehen, dass ich meine Freizeit im Ponyhof  verbringen würde, giftete die Artdirektorin. Freizeit, höhnte ich. Freizeit habe ich seit drei Jahren nicht genossen. Ob dass eine Beschwerde sein solle, beschwerte sich  die Graugans und drohte: Ein Torpedo von mir und Sie saufen ab. Bravo, Applaus. Die Artdirektorin klatschte in die Hände. Ich würde sie an einen überflüssigen Tintentank erinnern. Ballast braucht das U-Boot nicht. Im Universum führt eins zum anderen, nennt sich Kettenreaktion, antwortete ich. Also, bevor Sie sich hier zu unüberlegten, also nicht zielgerichteten Schnellschüssen hinreißen lassen, sollten Sie einmal das Ziel überprüfen. Und das Ziel bin nicht ich, sondern ist dieser Auftrag von Knorr. Die wollen was ganz Neues, nicht mehr so ein hausbackenes Gemache. Und in dieser Gefechtssituation pissen Sie mir ans Bein? Das ist ja wohl mehr als Kontraproduktiv. Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, dass ich Sie nur warnen kann auf Ihrem Weg, sonst machen Sie Bekanntschaft mit Gefühlen, die Ihnen bislang fremd waren und da rede ich nicht nur vom Orgasmus. Das sei eine Unterstellung, eine Verleumdung, beschwerte sich die Artdirektorin. Ich sei wohl vollständig verrückt geworden. Sie müsse sich hier nicht von mir mit geschmacklosen Bemerkungen über ihr Sexualleben bewerfen lassen. Leben nennen Sie das? Jeder Radiergummi lebt doch geschlechtlich besser als Sie. Für einen kurzen Moment dachte, die Artdirektorin würde mir den Freischwinger zur ihrer Rechten an den Kopf werfen, zumindest würde sie es versuchen, denn sie war aufgesprungen und fauchte vor Wut unverständliche Worte, dazu fletschte sie die leicht gelben Zähne, aber bevor ich noch den Rat geben konnte, sie solle sich die Zähne weißen lassen, ging die Graugans dazwischen. Noch sei er hier in diesem U-Boot die höchste Instanz, der ranghöchste Offizier, der Kapitän, der Kaleu, brüllte er los. Er bestimme den Kurs. Und der Kompass zeigt eindeutig ins Knorrland. Und die Hauptstadt von Knorrland heißt Aromat, schrie ich. Und um Aromat zu bekommen, brauchen wir Maike. Aber wenn Maike nicht mitspielt, den Ernst der Lage verkennt, können wir alle abmustern. Wollen Sie das Maike?

Ich hätte es ja auch nie für möglich gehalten, dass eine Hospitantin mit dem Intelligenzquotienten eines Teebeutels und ohne jeden Orientierungssinn dazu auserkoren war, unsere Agentur zu retten. Aber wozu braucht Maike überhaupt einen Orientierungssinn, wenn doch allen bei ihrem Anblick diesen verlieren? Wie soll das erst werden, wenn sie unbekleidet vor die Kamera tritt? Die Leute werden nur noch Knorrsuppen und Kompasse kaufen, Badeanzüge bestellen und Fernreisen buchen. Ich versuchte sachlich zu bleiben und führte aus, dass nach meinen Erfahrungen die Anforderungen an die Agentur von Jahr zu Jahr größer geworden wären, aber gerade das fordere uns heraus, sporne uns an, dieses Gefecht würden wir annehmen. Das Knorrprojekt gäbe uns wieder das Gefühl auf Feindfahrt zu sein. Teleskop ausfahren, Feind sichten, Fächertorpedos wässern, Ziel anpeilen und  los. Auftrag abgeschossen und damit abgeschlossen. Das verlangt der Firmenjob. Übrigens, die Agentur hat keine Security, wir müssen Maike schützen. Die rennen uns die Bude ein wegen der Krabbe. Maike, nun mach dich mal locker. Gleich gibt’s was zu knabbern. Hilft beim Denken. Nachricht angekommen? Frage direkt an dich: Wie geht es Dir heute? Bei den Karriereaussichten? Mensch Mädel, Brust raus. Der erste Eindruck ist der der bleibt. Bleiben wir einfach proaktiv. Was ich hier in den letzten Jahren geleistet habe, kann ich das bitte noch mal aufzählen? Bitte nein, wehrte sich die Artdirektorin und ich solle aufhören Maike anzubaggern. Ich solle mich einmal, nur einmal  wie ein Profi verhalten. Aber Maike ist doch ziemlich attraktiv, wer wollte das bestreiten, fragte ich in die Runde.  Maike, nun sag doch auch mal was. Hast du eigentlich einen Freund. Ja, den Kevin, antwortet Maike ganz treuherzig. Sie könnte ja auch die Aussage verweigern. Sie könnte ja auch sagen, das geht Sie gar nichts an. Aber vielleicht dachte sie schon an ihre Hollywoodkarriere. Kevin. Allein schon der Name. Und was macht dieser Kevin, außer dass er dich anhimmelt, wollte ich wissen. Der studiert BMW. Das heißt BWL, Maike, aber das ist auch egal. Das sollte ein Witz sein, sagte Maike. Ach so, ein Witz, Entschuldigung, ich lache später. Von dem Herren Kevin musst du dich aber trennen. Der passt aber mal so etwas wie überhaupt nicht in dein Karrieremuster. Der ist der reinste Fremdkörper. Wie eine Null unter lauter Einsern. Aber meine Omi mag ihn. Und außerdem käme es darauf an, wo die Eins stünde, stünde sie nämlich links, dann wäre… Ich merke schon, dass du heute ganz witzig drauf bist, lobte ich, und wenn deine Omi diesen Kevin mag, dann schick ihn zu ihr, während du nach Hollywood fliegst, first ckass. Wie heißt deine Omi überhaupt?
Omi Jansen.
Und was macht die Omi Jansen ausser, dass sie am Ende des Monats den Rentenbescheid studiert?
Die leitet eine Pension am Timmendorfer Strand. Da surfen wir immer. Kevin surft auch.
Na, sieh mal an, dann hat er bestimmt einen Waschbrettbauch.
Was Sie alles wissen wollen.
Maike, ich versuche hier nur deine Karriere zu strukturieren. Aber, wandte ich mich an die übrigen Teilnehmer dieser außergewöhnlichen Runde, als erstes müssen wir uns mit dem Fotostudio Mahn in Verbindung setzten. Wegen der Probeaufnahmen. Und dann müssen wir diesen Cornelius überzeugen, dass der uns den Etat rüberschiebt. Ich sprach Maike wieder direkt an und wollte von dieser nordischen Schönheit wissen, ob sie grundsätzlich bereit wäre, ihren herrlich geformten Körper dieser Knorrgeschichte zur Verfügung zu stellen? Oder ob sie da vielleicht Probleme mit ihrer sicherlich weit entwickelten feministischen Einstellung bekäme? Ob das ihr softspot wäre? Wir können über alles reden, sagte ich. Wir wollen ja nicht, dass Sie schlaflose Nächte bekommen und dass Sie sich mit Schuldgefühlen herumplagen müssen, die, nebenbei bemerkt, völlig überflüssig sind. Wegen der Nacktszenen. Zur Beschützerin haben Sie ja die Artdirektorin. Maike wurde kokett. Sie müsse das erst mit Kevin und Oma Jansen abklären. Abklären. Klingt wie beim Arzt, aber was geht mich der Sprachschatz dieser belämmerten Maike an? Ich war nur an ihrer körperlichen Erscheinung interessiert und zwar im Interesse der Agentur und meiner finanziellen Zukunft. Damit das einmal klar ist. Das sagte ich auch dem Leitwolf und der Artdirektorin in Abwesenheit von Maike, die wir mal wieder zum Fotokopierer geschickt hatten und nach den bisher gemachten Erfahrungen dürfte der Weg dahin für Maike lange dauern, so dass wir genügend Zeit hatten uns alleine zu besprechen. Was halten Sie von ihr, fragte ich den Leitwolf. Bis lang nicht viel, aber für die Rolle mit der Knorrtüte  wäre sie brauchbar. Der Anblick dieses Geschöpfes wirke jedenfalls wie  ein Geschmacksverstärker. Also sollten wir die Butter in den Eisschrank stellen, bervor sie in der Sonne schmilzt. Welche Butter, fragte die Artdirektorin. Der Leitwolf antwortete darauf, dass, wenn sie, die Artdirektorin noch einmal so eine blöde Frage stellen würde, dann würde er, der Leitwolf, sie eigenhändig im Aquarium ertränken. In welchem Aquarium, fragte die Artdirektorin, hier gäbe es kein Aquarium. Aber ich könnte es schnell in der Tierhandlung  ordern, sagte ich. Und lachte. In diesem Augenblick der Hochspannung kam Maike zurück. Sie könne den Fotokopierer nicht finden. Der Leitwolf schlug seine rechte Hand klatschend auf die Tischplatte. Er habe es gewusst. Er sei von Idioten umzingelt. Letzte Chance, Maike, sagte ich. Sie solle mal ihren Freund, diesen Kevin anrufen und ihm die Sachlage schildern. Wir hätten gerade noch ein Zeitfenster von 47 Minuten, dann wolle der Knorrkonzern Fakten auf dem Tisch sehen. Am besten wir schicken mal zur Anregung ein hübsches Foto von Ihnen auf dem Surfbrett an den Konzern. Nur so als Anregung. Das dürften Sie ja sicher auf ihren Ipad gespeichert haben. Oder eins unter der Dusche. Dann wissen die Leute von Knorr schon, mit wem sie es zu tun haben. Maike protestierte. Das müsse sie erst mit Kevin besprechen. Ja, dann gehen Sie endlich  auf die Terrasse zum Talken mit ihrem Kevin, schimpfte der Leitwolf, oder meine Hand landet das nächste Mal nicht auf der Schreibtischplatte. Die Artdirektorin wollte den Mund aufmachen, aber der Leitwolf sagte nur scharf und knapp, Schnauze, sonst Beule. Maike verschwand auf die Terrasse. Dort konnte ich sehen wie sie heftig gestikulierend auf und ab ging. Der Leitwolf wurde weinerlich. Er meinte, er habe den Draht zur Jugend verloren. Er wolle ehrlich sein. Er würde alle die jünger wären als er, zutiefst hassen. Am liebsten würde er die Menschheit in ihrer Gesamtheit ausrotten. Dabei sei er früher mal ein positiv denkender Mensch gewesen. Aber das Positive sei ihm mit den Jahren vollkommen abhanden gekommen. Mit dieser Einstellung, meinte die Artdirektorin, würden wir niemals den Knorrkampf gewinnen. Er solle sich mal coachen lassen. Bevor es zu spät wäre. Seine Libido würde ja auch schon nicht mehr richtig arbeiten. Ob sie dieses Thema hier bei der Besprechung über die Knorrangelegenheit ausbreiten wolle? Wenn hier einer gecoacht werden müsse, dann ohne Zweifel sie. In diesem Moment kehrte Maike
Und? Was sagt Kevin?
Er sagt nein.
Er sagt nein? Der Junge ist ja nur eifersüchtig. Der will sie nicht beschützen, der will sie bewachen und ihre Karriere verhindern, weil er weiß, dass er sie dann verlieren würde. So einer ist das, ihr Kevin. Der kann gerade mal eine Schlappwelle in der Ostsee bewältigen. Das sagte ich. Geben Sie uns Anhaltspunkte, Maike. Warum hat Kevin nein gesagt. Hat er eine Begründung abgegeben? Ich flehe Sie an. Können wir diesen Kevin umstimmen. Und wenn ja mit was? Und was ist mit Ihnen, Maike? Haben Sie auch etwas dazu zu sagen? Haben Sie einen eigenen Willen oder sind Sie von diesem Kevin abhängig, sexuell abhängig? Überlegen Sie doch in Ruhe, was das für eine Möglichkeit für Sie ist. Sie könnten ganz groß ins Filmgeschäft einsteigen. Sie haben das Zeug dazu. Sie sind große Klasse. Sie verkörpern Zeitgeist. In Ihnen wird sich eine ganze Generation wieder erkennen. Und da hören Sie auf diesen Kevin mit seinem dämlichen Waschbrettbauch? Ich dachte, Sie seien emanzipiert, eigenständig, selbstbestimmt, aber so wie Sie sich jetzt geben, erinnern Sie mich an das finstere Mittelalter. Sollte es bei dem Nein bleiben, sage ich Ihnen jetzt schon, dass Sie es bereuen werden. Sie werden schlaflose Nächte haben. Die Angst eine Fehlentscheidung getroffen zu haben wird größer und größer. Manchmal haben Sie das Gefühl Millionen von Ameisen kriechen unter Ihrer zarten Haut herum und sie müssen sich zwanghaft am ganzen Körper kratzten. Am ganzen Körper, verstehen Sie, also auch im Intimbereich. Da können Sie keiner geregelten Tätigkeit mehr nach gehen, sind immer zu geisteskrank geschrieben und steigen die soziale Leiter nicht hinauf, sondern Sie rutschen abwärts in Richtung Harz 4. Harz 4 ist die letzte Haltestelle im sozialen Netzwerk des öffentlichen Nahverkehrs. Das ist der Nullpunkt der menschlichen Existenz. Und wir als verantwortliche Betreiber dieses Kreativkahns U-Boot müssten Ihnen kündigen, da Sie in keinster Weise die Aufgaben einer Hospitantin erfüllt haben. Im Übrigen laufen Sie noch auf Probezeit, also machen Sie sich nichts vor. Ich habe eine Mängelliste über Ihr Fehlverhalten angelegt. Jemand, der nach Wochen immer noch nicht weiß, wo der Fotokopierer steht, passt nicht zu unserer Firmenphilosophie. Blindgänger können wir nicht beschäftigen. Wenn es also bei Ihrer Entscheidung bleibt, dass Sie uns in dieser Knorrsache hängen lassen, werden Sie ausgemustert wie ein paar zerfetzte Segel. Ich schreibe einen Brief an Ihrer Oma Jansen, indem ich ausführe, dass Sie in keinster Weise unseren Anforderungen genügen, da hilft auch ihr zugegeben hübscher Körper und Ihre zugegeben blauen Kulleraugen nichts. Fahren Sie mit Kevin an den Timmendorfer Strand, diesen nostalgischen Trümmerhaufen von Seebad und wohnen Sie bei Oma Jansen und surfen Sie, mehr wird es nicht mehr werden. Chance vertan. Das war’s, mehr war’s nicht. Au revoir. Das ist französisch und heißt so viel wie schieb deinen süßen Arsch hier raus, du dumme Nuss. Daraufhin wurde Maike frech. Ich sei doch hier das größte Arschloch an Bord (wörtlich), ein triebgesteuerter Psychopath, der seine abartigen Fantasien auf Kosten von Abhängigen ausleben würde. Diese ganze Knorrgeschichte sei doch das Albernste was sie je gehört habe. Ich wolle doch nur ein nacktes Mädchen filmen lassen, um die Suppe ginge es mir doch überhaupt nicht. Dieser ganze Schwachsinn mit dem Schiffsbruch und dem Strand, auf dem sie nackt liegen sollte, ja geht es noch, schrie sie mich an. Dafür wollen Sie mich einspannen? Was ich glauben würde wie blöde sie sei? Darüber habe ich schon oft nachgedacht, gab ich zurück. Jetzt weiß ich es. Sie sind saublöd, denn wer wirft freiwillig einen gültigen Lottoschein mit sechs Richtigen in die Mülltonne? Wir bitten Sie doch nur um ein paar Probeaufnahmen. Wenn die ergeben, dass Sie für diese Knorrsache untauglich sind, Schwamm drüber, alles vergessen und wir gucken uns nach jemand anderen um. Das ganze Internet wimmelt doch nur so von hübschen Mädchen. Da wird sich ja wohl eine willige Dame finden lassen. Mit Ihnen dachte ich, könnten wir das Prozedere einer langatmigen Recherche abkürzen. Das Fotostudio hat in zwanzig Minuten einen Termin frei. Also, mein Vorschlag ist, wir gehen da hin und eine halbe Stunde später haben wir aussagekräftige Resultate. Davon müssen Sie ja nun ihrem Kevin oder Ihrer reizenden Omi nichts erzählen. Wir nehmen die Artdirektorin mit. Die sieht ja so wieso immer aus wie eine englische Gouvernante.
Der Leitwolf löste sich aus seiner traurigen Stimmung, lachte und meinte, dass mit der englischen Gouvernante sei treffend, ich sei schon ein verdammt guter Kreativdirektor. Und Maike ist das ungezogene Schulmädchen und braucht ein paar hinten drauf. Der Leitwolf lachte noch lauter und zog ein Gesicht, als sei er der große böse Wolf in Person. Also Maike, nun kommen Sie mal runter von Ihrem Spießerstuhl und machen Sie sich locker. Brust raus und so. Wir wissen ja alle, dass Sie ganz feministisch angehaucht sind. Das hier dient aber doch einer guten Sache. Christlich gesprochen würde ich sagen, da müssen Sie mal den Ordner Nächstenliebe aufmachen.
Diese Argumente schienen Maike zu beeindrucken. Immerhin hatte sie die Augen geschlossen, presste sich eindrucksvoll die Zeigefinger zur Konzentrationssteigerung an die Schläfen und versank für uns alle sichtbar in den Modus tiefes Nachdenken. Kaum, dass wir wagten zu atmen. Nach etwa dreißig Sekunden nahm sie die Finger von den Schläfen, klappte die Augenlieder auf und sagte:
Gut, ich bin einverstanden.
Braves Mädchen, lobte der Leitwolf, mein Instinkt hat mir gesagt, dass ich mich auf Sie verlassen kann. Sie habe immer gesagt, dass der Leitwolf im Grunde genommen ein Tier sei, wie alle Männer, bemerkte die auf Gouvernante getrimmte Artdirektorin. Aus taktischen Gründen ging ich auf diese in meinen Ohren lächerlich klingende Behauptung nicht ein, denn es stand wichtigeres auf dem Spiel. Probefotos von Maike.

Das Fotostudio Mahn befand sich drei Häuserblocks von der Agentur entfernt. Wir also los. Im Gänsemarsch. Der Leitwolf voran, dann die Artdirektorin, gefolgt von Maike und ich bildete die Nachhut, um die Kolone gegen feindliche Rückenangriffe abzusichern. Aber auf der Straße alles friedlich. Schläfriger Nachmittag. Einige mit überhöhter Geschwindigkeit rasende Autos röhrten an uns vorbei. Die Sonne hatte sich schüchtern hinter einem klebrigen gelbgrünen Schleier versteckt, indem sich Flugzeuge wie Fliegen verfangen hatten. Die auf der anderen Straßenseite liegenden Grünflächen wirkten mit ihren Bepflanzungen modellhaft langweilig, aber immerhin. Strauch, Busch, Rabatte, Gehweg, Laterne, Bank, Papierkorb. Vier hohe Birken grabschten gierig nach den Wolken. Das Flussband schimmerte ölig und die auf der Oberfläche schwimmenden Schwäne schienen fest geklebt zu sein. Maike hatte einen aufreizenden Gang. Wie die den Hintern bewegte, das war schon sehenswert. Aber ich bemühte mich sachlich zu bleiben. Es ging im Sinne des Wortes schließlich um mehr. Der Asphalt roch nach verbranntem Pelikanklebstoff. Das sind hier ganz schöne Prachtvillen, sagte ich zur Maike, hier leben die Reichen und die Schönen. Da könnten Sie auch bald wohnen, lockte ich. In den prächtigen Vorgärten krochen mit Sicherheit schlecht bezahlte Hilfskräfte käferartig in gebückter Haltung, in den behandschuhten Händen funkelnde Scheidwerkzeuge haltend, Äste schneidend durch Hecken und Sträucher, während die Herrschaft im neusten Benz, im neuesten Porsche oder im neuesten Rolls langsam aus der oder in die Tiefgarage fuhren. Audi, BMW und VWs waren nicht zu sehen. Das sind Spießerkisten, sagte ich zu Maike, zu der ich jetzt aufgeschlossen hatte. Von was ich sprechen würde, wollte diese Schönheit wissen? Von ihrer Zukunft, sagte ich, aber das verstand dieser Hingucker nicht. Fuck, rief sie plötzlich. Jetzt, fragte ich überrascht. Sie sei in einen Kaugummi getreten, erklärte sie. Fuck, sagte ich und heuchelte Mitleid. Es gibt Momente in meinem Leben, sagte ich, da möchte ich alles beenden. Und zwar auf meine Weise. Ich verspüre den brennenden Wunsch zunächst alle Armaturen wie Wasserhähne, Brauseköpfe und so weiter aus der Wand zu reißen, mögen die Kacheln nur splittern, dann sind die Türklinken dran, weg damit, danach die Fernsehkabel. In jede dieser verpissten Spießerwohnungen möchte ich eindringen. Mit dem Arm die Blumenkübel vom Fensterbrett wischen, das Grillgerät umstoßen, in der Küche möchte ich das Ketchup verspritzen, dazu noch die Spagetti aus der Schachtel kippen und Pulverkaffeee drauf streuen und der erstaunten Hausfrau würde ich ein paar sanfte Ohrfeigen verpassen. Sanfte Ohrfeigen? Warum sanfte Ohrfeigen, wollte Maike wissen. Ich neige nicht zur Gewalt, erklärte ich. Verstehe, sagte Maike. Dann fliegt die Couch Ecktorp von Ikea durch das Terrassenfenster, der Carport wird angesteckt und wenn der Blödkopf von Ehemann, diese Schrunzpfeife  nach Hause kommt, kriegt der gleich einen auf die Nuss. Ich bin mir sicher, dass ich ein Heer von jungen Menschen rekrutieren könnte, so eine Antispießerbrigade, die mir begeistert folgt.  Das sagte ich zu Maike, der kommenden Superschauspielerin. Oder sollte es besser Supersauspielerin heißen? Ob ich in psychiatrischer Behandlung wäre, fragte mich diese Maike.
Ich? Nein, wunderte ich mich. Bei mir ist alles ganz normal. Wie kommen Sie darauf?
Ach, nur so.

Wir erreichten das Fotostudio Mahn, ein mit allen Attributen der Neuzeit ausgestattetes Studio. Die Empfangsdame lutschte infantil sinnlich lächelnd an einem himbeerroten Lolli. Der Shooter Mahn erschien. Und der fragte den Leitwolf, indem er ihn theatralisch umarmte, ob alles regeltechnisch sauber sei. Ich muss dieses peinliche Gewäsch zu Ende bringen. Wir gingen in ein Studio, in dem alles weiß getüncht war. Maike wurde aufgefordert sich einen Badeanzug anzuziehen. Ob es sich um einen Bikini oder einen Einteiler handeln würde, wollte Maike wissen. Das überlasse ich Ihnen,  sagte Mahn galant großzügig  und zentrierte  seine Fotogeräte. Ob die Badeanzüge neu oder schon einmal getragen wären, forschte Maike weiter, sie wolle sich da nichts einfangen. Die sind neu und liegen luftdicht verpackt bereit, beruhigte Mahn und führte aus, dass die  Badeanzüge aus Japan stammten. Die Japaner oder besser die Japanerinnen entwerfen die besten Badeanzüge der Welt. Die sitzen wie Pelle. Mahn lachte, der Leitwolf lachte, aber sonst niemand. Um es kurz zu machen. Der Fotograf knipste eine Reihe von Fotos, die Maike in einem hellblauen einteiligen Badeanzug zeigten. Es handelte sich um 345 Aufnahmen, die nach meiner Meinung den reizvollen Körper plus Kopf von Maike schlüssig unter Beweis stellten. Mit diesen Aufnahmen gingen wir nach einer halben Stunde zurück in die Agentur. Dort erwartete uns leider eine böse Überraschung. Eine Mail von der Knorrgruppe. Die ganze Sache sei abgeblasen worden. Man habe sich zwischenzeitlich mit einer französischen Agentur geeinigt. Für entstandene Auslagen stünde die Knorrgruppe zur Verfügung. Mit freundlichen Grüßen, Doktor Cornelius. Diese Scheißfranzosen, diese Baguettefresser, brüllte der Leitwolf und warf unbeherrscht Buntstifte der Firma Faber Castell an die Wand. Vier Wochen später war die Agentur insolvent. Der Leitwolf ging mit der Artdirektorin in die Rente, ausgerechnet nach Frankreich zu den Franzosen, die ihn wie Fischsuppe abgekocht hatten. Das ist ja so, als ob die Kuh sich noch beim Schlachter fürs schlachten bedankt. Maike setzte ihr Studium als Grafikdesignstudentin fort, futterte brav vegane Kost und surfte am Wochenende mit Kevin Waschbrettbauch über die Ostsee, Oma Jansen führte ihr Hotel und ich stand an der Pommesbude und war arbeitslos.

 

 

 

 

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Die chinesische Glocke

constantin-hahm-geschichten-berryDie Ladenglocke tönt. Ich blinzle durch das Dämmerlicht, welches um diese späte Tageszeit meine Räume poetisch unscharf ausleuchtet. Im Türrahmen eine Gestalt. Im rechten Arm hält sie einen  länglichen Gegenstand, der in eine graue Wolldecke eingeschlagenen ist. Die runde Spitze zielt genau auf meine Brust.

Der Ton der Türglocke ist vom Klang zurückhaltend und angenehm. Er verebbt nach dem Anschlag mit wellenhafter Weichheit. Dabei sendet die Glocke positiv harmonische Schwingungen aus, die friedlich stimmen. So steht es in der Packungsbeilage der Glocke, die in China gefertigt wird.

Was bringen Sie mir Schönes?, frage ich durch den Glockenton abgeklärt furchtlos.
Raten Sie, sagt die Gestalt.
Ein Sturmgewehr. Eine AX 40. Das käme von der Länge her hin.
Falsch, sagt die Gestalt.
Dann muss es eine Winchester sein.Auch falsch.Dann bleibt nur noch eine Pump-Gun.
Auch falsch.

Die Gestalt aus dem Dämmerlicht wird beim Näherkommen zu einem jungen Mann, nicht sehr groß, recht dünn mit länglichen leicht verbitterten Gesichtzügen, auf der Nase eine schwarze viereckige Brille. Ein Student, denke ich, der vom wissenschaftlichen Geist, der durch die Hörsäle und Labore, durch die Bibliotheken und Mensen weht, verwirrt ist und  jetzt verzweifelt nach einem stabilen Haltepunkt im Leben sucht. Und deshalb Amok läuft. In meinem Laden. Das wird nie was. Ich erinnere nur an den Glockenton. Positive Schwingungen. Mehr sage ich nicht.

Der junge Mann legt den umwickelten Gegenstand auf den Tresen.

Was glauben Sie was ich bin? Ein Amokläufer?
Tja, sage ich und zucke mit den Schultern. Weiß man’s?
Und gucke mir diesen Jüngling etwas genauer an. Er wirkt auf mich zart aber zäh. So in der Art jedenfalls.

Mit einer schnellen Bewegung schlägt er die Wolldecke zurück.
Was Sie sagen Sie jetzt?
Das habe ich nicht erwartet, staune ich anerkennend.

Das empfundene Glücksgefühl, welches der Glockenton hervorruft, wirkt bei mir diesmal sehr stark, denn ich sehe nicht wie ich erwartet hatte auf ein Sturmgewehr, sondern auf ein weibliches Bein. Aus Holz. Das Bein ist bekleidet. Es trägt einen schwarz schimmernden Schuh mit Absatz und Lederschlaufe. Dazu einen schwarzen Seidenstrumpf ohne Naht, der hoch am  Oberschenkel endete.

Wo haben Sie das denn her?
Vom Phönix. Aus dem Fundus. Ich bin Schauspieler. Wir schließen leider. Das ganze Fabrikgelände ist  an einen schwedischen Investor verkauft.
Aha, sage ich.
Zusätzlich studiere ich aber noch Betriebswirtschaft.
Brav, sage ich. Und was spielen Sie?
Bisher nur Frauen. Im letzten Jahr habe ich eine Kammerzofe gespielt, in einer Nebenrolle, und in diesem Jahr war es eine Schülerin, die sich in ihre Lehrerin verliebt. Die Lehrerin spielt die Autorin des Stücks, gleichzeitig führt sie Regie. Wir machen ein ganz zeitloses Theater. Bei uns kann jeder alles und macht auch jeder alles. Ich habe nicht nur diese Schülerin gespielt, sondern auch noch das Bühnenbild mit gestaltet und in der Technik bin ich für die Ausleuchtung verantwortlich, während die Regisseurin auch noch die Kostüme entwirft.

Ach ja. Ich erinnere mich. Davon habe ich gelesen.
Wie hieß noch gleich die Regisseurin?
Ulrike Rechenbach.
Von Rechenbach?
Ja, aber Ulrike lässt das immer weg.

Ich kannte einen Rechenbach, mit dem habe ich oft Schach gespielt. Der sagte immer, Frauen können ganze Generationen versauen. Der Mann lebt nicht mehr. Er wurde vor etlichen Jahren im Urlaub erschossen. Von der eigenen Frau.
Das müssen andere Rechenbachs sein. Die Eltern von Ulrike leben noch.

Und, frage ich interessiert, wie ist das so Frauen zu spielen?
Das ist einfacher als Sie denken. Kaum trage ich Frauenkleider, fühle ich wie ein weibliches Wesen.
Na, na, zweifle ich, ist das tatsächlich so einfach?
Am Anfang hatte ich natürlich große Probleme, aber ein Satz, den Ulrike mir sagte, hat mir sehr geholfen. Sie sagte: Keine Aufgabe, die auf dich zukommt, ist Zufall. Sie kommt, weil du das Wissen und die Kraft gesammelt hast, um diese Aufgabe zu meistern. Wende Wissen und Kraft an.

Während er mir diese sicher aus mystischen Zeiten stammende Erkenntnis mitteilt, schaut er mich aus seinen rehbraunen Augen so unschuldig und ehrlich wie Bambi im Wald oder Heidi auf der Alm an, dabei bekommt seine Stimme einen mädchenhaft angenehmen Klang. Einen kurzen Augenblick, denke ich, dass das gar kein junger Mann ist, sondern eher eine junge Frau, die einen jungen Mann spielt. Und dieser spielt wieder eine Frau.

Aha, sage ich, und so soll ich wohl auch Ihren Besuch hier in meinem Laden verstehen. Als Aufgabe, die es zu meistern gilt.

Dabei sehe mir dieses Wesen noch genauer an. Die Figur ist knabenhaft und soweit ich das hinter meinem Tresen und durch meine Brille erkennen kann, gut gestaltet. Alles steht in einem harmonischen Verhältnis. Nichts ist zu groß oder zu klein. Aber es wirkt nicht männlich, sondern eben knabenhaft. Knabenhaft weiblich. Der Kopf ein längliches Oval, etwas blass, das Kinn rund, die Lippen eher schmal, die Nase länglich, die Augen schimmern bräunlich bis grünlich, über der Nase zeigt sich eine feine steile Stirnlinie, die dem Gesicht etwas skeptisch Fragendes gibt, die Haare schwarz, im Gesicht nach links gescheitelt, so dass einige Spitzen in die Stirn fallen.

Jetzt schauen Sie mal, sagt dieser Mix aus männlich und weiblichen Bauteilen, nimmt vorsichtig das Bein und stellt es auf den Fußboden. Und das Bein, hübsch gerade gewachsen und gut proportioniert, bleibt tatsächlich stabil stehen.

Na, ist das verkäuflich?
Sicher. Dafür gibt es Liebhaber, sage ich.  Wenn Sie erlauben, möchte ich mir den Zustand des Beines mal etwas genauer ansehen. Warum wollen Sie das Bein eigentlich verkaufen? Gibt es keine Stücke mehr, in denen Holzbeine mitspielen?
Schon, aber wir müssen uns einfach von einigen Requisiten trennen. Wir platzen aus allen Nähten. Das ist ja nicht das einzige Bein. Wir haben 78 davon.
So viele, frage ich erstaunt, und alle sehen aus wie dieses hier?
Im Grunde genommen ja. Die wurden mal von einem Pleite gegangenen Kleiderpuppenhersteller günstig gekauft für ein Stück, das witzigerweise genau das Schicksal dieser Fabrik zum Inhalt hatte. In den Siebzigern wurde das ein paar Mal aufgeführt, aber heute ist das nicht mehr spielbar. Wir wollen höchstens zehn Beine behalten. Sie können also 68 Beine kaufen. Da machen wir gerne einen Preis.

Ohne diesen Kaufvorschlag zu kommentieren, sage ich sachlich:
Legen Sie bitte das Bein zurück auf die Decke. Und ziehen Sie ihm Schuh und Strumpf aus, ich schau mir mal das Holz an. Mit einer Lupe.

Dieses Wesen, dieser mädchenhaft scheue schmale Mann und diese knabenhaft freche junge Frau in einer Person machen sich an die Arbeit. Es zieht dem Holzbein den schwarzen Schuh aus und das so liebevoll und zärtlich, als handele es sich  um das lebendige Bein einer jungen Frau, dem, warum auch immer, ein Schuh ausgezogen wird.

Die Hände  mit den schlanken Fingern lösen zunächst geschickt den schwarzen Spannriemen, dann zieht dieses Wesen den Schuh über die Ferse nach unten, um ihn schließlich vorsichtig über den mit einem Strumpf bedeckten Span des Fußes zu ziehen. Der Schuh wird ordentlich zur Seite gestellt. Jetzt wird der schwarze Seidenstrumpf vom Bein gerollt. Die Hände fassen den Schenkel oben am Rand, innen und außen, und streifen langsam den Strumpf hinunter zum Knie, über das Knie und dann etwas schneller zum Knöchel. Dann greift eine Hand von oben an den Spann und die andere Hand zieht den Strumpf endgültig über den Fuß und die Zehen. Jetzt liegt das Bein nackt auf der Decke.

Ich nehme meine Handlupe und beginne das Bein vom Fuß an zu untersuchen. Das Prüfungsergebnis teile ich sofort mündlich mit. Ich bin in Fällen der Taxierung und Bewertung für schonungslose Offenheit.

Die Kleinzehe, lateinisch digitus minimus, ist gebrochen. Sie  wurde laienhaft angeklebt. Das beweisen die nicht zu einander gehörenden Bruchstellen hier innen und dort und dort. Der Außenknöchel, lateinisch malleolus lateralis, ist durch Abschürfungen, Abnutzungen oder falsche Lagerung beschädigt. Die Wade, lateinisch sura,  ist einwandfrei.  Das Knie, lateinisch genus, wieder mit unschönen Eindrücken gezeichnet, die Kniekehle, lateinisch poples, in gutem Zustand. Der Oberschenkel, Lateinisch femur, hat vorne einen dünnen Einschnitt. Der könnte auch als Eigenart des Holzes angesehen werden. Insgesamt fast sich die Oberfläche…
…lateinisch superficies, ergänzt das Wesen mit gelangweilter Stimme …
… Oberfläche des Beines angenehm an. Glatt, fest, hart, in alle Richtungen. Das ist eine gelungene Arbeit. Ahornholz, wenn ich nicht irre. Der Lederschuh stammt aus den achtziger Jahren, der Strumpf ist wertlos.

Das Licht im Laden hat sich verändert. Die Dämmerung  reicht nun von blauschwarzem Umbra bis zu rötlichem Chromoxydgrün. Deshalb drücke ich einen Lichtschalter und nun leuchteten vier Lampen. Zwei auf meinem Tresen und je eine in jedem Schaufenster.

Ich war letzte Woche beim Zahnarzt, nach langem Herauszögern. Ich hatte mir ein Stück aus einem Zahn gebissen, eine Füllung. Sie zerbrach in zwei Teile. Der größere Teil des Zahnes zerbarst vor etwa vier Monaten. Ich weiß noch wie ich das rausgebrochene Teil auf meinen Teppich spukte. Verächtlich tat ich das. Ich spuckte, nein rotzte das Teil auf meinen Cashwahnteppich, der nichts anderes war als die geknüpfte Karte einer Stadt, umrandet von einer Stadtautobahn und in der Mitte Häuser und Straßen. Und da lag auf einer Kreuzung mein Inlay wie ein aus dem Weltall gefallener Teilchenbeschleuniger, allerdings ohne Verbindung zum Muttergebiss. Sehr wahrscheinlich verstehen Zahnärzte diesen Satz besonders gut. Wenn in einem Satz die Worte Inlay und Muttergebiss auftauchen, müssten doch alle Zahnärzte/Zahnärztinnen in diesem Land  aufmerksam werden. Ich beugte mich aus meinem Sessel nach vorne und beäugte das Inlay argwöhnisch, denn, ich gestehe, ich hatte ja noch ein Stückchen Brot mit einer halben Scheibe Salami im Mund.  Die Scheibe Salami stammte von einer Stangensalamie, die in einer Verpackung mit Biostempel steckte.  Und das Kälbchen von dem die Salami stammte, hieß Johanne und lebte drei Jahre lustig in der Bretagne. Das stand auf der Verpackung.

Ich stand eindeutig unter Schock. Meine Zunge kreiselte über dem Zahnkrater und ich wartete auf den Schmerz. Aber der Schmerz kam nicht. Ich spürte keinen Schmerz. Der Schmerz wollte mich damit quälen, dass er nicht sofort kam, dachte ich zunächst.  Aber auch nach drei Monaten kam er nicht. Wäre er eher gekommen, wäre ich auch eher zum Arzt gelaufen. Aber so? Er lullte mich schmerzlos ein, dieser Schmerz, der nicht kommen wollte. Das war eine grausame Warterei. Vor zehn Tagen habe ich mir dann  diese Zahnruine völlig zerstört. Ich war gerade dabei Huhn vom Knochen zu nagen, da erwischte ich einen kleinen Knorpel und der verklemmte sich in der Zahnruine. Leider biss ich ungeschickt auf ihn, was zur Folge hatte, dass diese Wände dieser Zahnruine nach außen  platzten. Ich habe mich darüber so erschrocken, dass ich bestimmt zehn Minuten wie gelähmt am Tisch saß. Und am nächsten Tag habe ich sofort einen Termin vereinbart, obwohl ich immer noch keine Schmerzen spürte. Das war mir unheimlich.

Meine Mutter war eine geborene Fein. Sie heiratete einen Herren Alt. Deshalb heißt mein Laden auch Fein und Alt. Und mein Vorname lautet Ferdinand. Ich heiße also Ferdinand Alt. Eine Zeit habe ich überlegt, ob ich nicht auch den Namen meiner Mutter im Nachnamen erwähnen sollte. Schließlich ist sie ja diejenige, die mich geboren hat. Ich hieße dann Ferdinand Fein-Alt. Den Laden führe ich seit vierzig Jahren.

Mehr als 20€ kann ich Ihnen leider für das Bein nicht geben.
Das ist zu viel zu wenig.
An was dachten Sie denn?
Mindestens 250.
Da muss ich leider passen.
Gut, dann nehme ich das Bein wieder mit.

Ohne ein weiteres Wort mit mir zu wechseln, griff dieser seltsame Mensch den Schuh, den Strumpf und das Bein und wickelte alles sorgfältig in die Decke, wünschte mir einen schönen Abend und verließ den Laden. Wobei wieder die Türglocke ihren feinen schwingenden Ton hören ließ.

Ich schloss die Augen, legte die Arme ausgebreitet mit den Handrücken auf den Ladentisch und sog konzentriert und sehr entspannt Luft durch die Nase..

Die Stadt in der ich lebe ist im Vergleich zu anderen Städten eher klein, aber sie besitzt einen kosmopolitischen Geist. Der hat sich durch die Lage dieser Stadt ergeben, denn die Stadt  beherrscht ein Tal, durch welches seit über tausend Jahren Karawanen mal von links nach rechts oder von rechts nach links gezogen sind. Die Berge an den Rändern des Tales  sind so hoch, dass es keinen Sinn hatte, diese Richtung als Reiseroute zu wählen, um die Stadt oder das Tal zu vermeiden. Damals haben sich die Leute hier einen Spaß daraus gemacht, diese Karawanen zu überfallen. Schließlich gab es wertvolle Beute. Eines Tages kamen die Schlauköpfe darauf, dass sie rein rechnerisch mehr Beute machen könnten, wenn sie den Karawanen freies Geleit und sicheren Schutz anbieten würden. Gegen Bezahlung natürlich. Auf lange Frist gedacht, kann man damit viel reicher werden als mit diesen sporadischen Überfällen. Und dann fingen die Leute hier an zu investieren. Sie bauten Gaststätten, Werkstätten, Herbergen, Hotels, die bauten eine komplette Infrastruktur auf, um es den durchziehenden Karawanen so behaglich wie möglich zu machen. Gegen Bezahlung. Na und?

Darauf sind die Leute hier schon im 12. Jahrhundert gekommen.

Weltweiter Handel, dieses Modell verkauft das Land seit dem 12. Jahrhundert. Handelst du heute hier, kannst du morgen um die ganze Welt wandeln.

Not hillus an quanti nobeles mundi sert mondis.

Jedes Land, jede Stadt, jedes Dorf besitzt eine volkstümliche Entstehungsgeschichte, eine märchenhafte Sage, eine Legende, wie alles anfing. Das ist hier nicht anders. In diesem Fall wird erzählt, ein Einsiedler sei im Hochwald auf ein verirrtes Mädchen gestoßen, welches ganz erschöpft an einem Baumstamm lehnte. Der Einsiedler, ein mildtätiger Mann,  nahm das Mädchen an der Hand und führte es in seine Hütte. Dort gab er ihm warme Speise und fragte:

Wie heißt du?
Ich weiß es nicht.
Wo kommst du her?
Ich weiß es nicht.
Wohin willst du?
Ich weiß es nicht.
Wie alt bist du?
Ich weiß es nicht.
Wie heißt deine Mutter?
Ich weiß es nicht.
Weiß du überhaupt etwas?
Ich weiß es nicht.
Na ja, sagte der Einsiedler, das ist ja wirklich eine traurige Geschichte.

Es wurde Abend und aus dem Wald wehte es kühl in die Hütte.

Ich werde den Kamin anheizen, bleib du hier am Tisch sitzen. Ich hole Holz, sagte der Einsiedler. Als der Einsiedler zurückkam, saß das Mädchen nicht mehr am Tisch, sondern stand am Bücherbord. Es hielt ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und las mit klarer Stimme den ersten Satz einer Geschichte: Jedes Land hat eine Entstehungsgeschichte. Das war hier nicht anders.

Du kannst lesen, fragte der Einsiedler erstaunt. Wer hat es dir beigebracht?
Ich weiß es nicht.

Der Einsiedler trat an sein Bücherbord, zog wahllos ein anders Buch heraus und sagte.
Ließ das mal.
Und das Mädchen begann zu lesen:

Tags darauf traf der Graf mit seiner Frau und mit der vermeintlichen neuen Braut für seinen Sohn Walther aus Bologna ein. Walter ritt ihnen mit allen geladenen Gästen feierlich entgegen. Jedermann wünschte der neuen Braut Glück und Segen. Diese war ein schönes junges Fräulein von zartem Körperbau, denn sie war kaum zwölf Jahre alt. Nur, es war die falsche Braut.

Hör auf, sagte der Einsiedler, ich habe genug gehört. Bleib bei mir und ich werde dich in allem unterrichten, was ich weiß.

Und so geschah es. Da das Mädchen über eine sehr schnelle Auffassungsgabe verfügte, konnte sie bald alle Sterne im Himmel wie auch jedes Kraut am Wegesrand mit Namen benennen.

Eines Tage wurde der Einsiedler sehr krank und er fühlte, dass er sterben müsse. Er bat das Mädchen ihn an die warme Felswand zu legen, die hinter der Hütte aufstieg. Das Mädchen tat wie ihm geheißen und der Einsiedler starb. Das Mädchen weinte bitterliche Tränen, die auf den Felsen fielen, ihn spalteten und heraus sprudelte das Wasser einer Heilquelle. Denn als das Mädchen dem Einsiedler mit dem Wasser die Lippen benetzte, schlug der Einsiedler wieder die Augen auf und verwandelte sich in einen prächtigen Prinzen, der genau so aussah wie der, von dem das Mädchen immer geträumt hatte. Denn alle Mädchen träumen von einem Prinzen. Das gehört in die Abteilung Weltkulturerbe.

Das  Quellwasser wird heute in Flaschen abgefüllt und weltweit verkauft. Um die Quelle wurde eine Kapelle gebaut. Um die Kapelle später ein Kloster. Um das Kloster noch später eine  Stadt. Und um die Stadt eine Mauer und so immer weiter.

Und die Stadt ist über die Jahrhunderte immer einwandfrei gepflegt worden. Dafür war Geld vorhanden. Weil keine Kriege geführt werden mussten. Was das für Gelder freisetzt ist sagenhaft. So gepflegte und fachkundig bepflanzte Gärten sieht man selten. Ebenso herausgeputzt stehen die Häuser in diesen Gärten. Außer einem aus dem Pflaster heraus gebrochenen Blaubasaltstein habe ich heute Morgen auf einem Spaziergang nichts Ungepflegtes gefunden.  Diesen Stein habe ich sorgsam auf den Briefkasten vorm Haus gelegt.

Die Türglocke tönt. Ich schaut auf, denn, ich gebe zu, ich hing träumend über dem Tresen. Und sehe… und sage:

Waren Sie nicht eben schon hier?
Stimmt.
Aber Sie schauen jetzt anders aus. Irgendwie weiblicher.
Finden Sie?
Ja.
Danke für das Kompliment.
Kompliment?
Ja, ich übe doch. Allein der weibliche Gang hat es in sich. Von der Denke ganz zu schweigen.
Na, sage ich, das bekommen Sie schon hin. Und was verbirgt sich nun wohl wieder unter der Decke? Soll ich raten?
Versuchen Sie es.
Ein Holzbein?
Falsch, ruft dieser Frauenschauspieler. Er reißt die Decke zurück und ich schaue in die Mündung einer Pump-Gun.
Junge, sage ich, mach keine Dummheiten.
Nenn mich nicht Junge, schreit der Schauspieler, ich bin eine Frau, hast du das kapiert, du verkalkter Trottel.
Aber so ganz eindeutig ist das nicht, sage ich.
Ich könnte dir zeigen wie eindeutig das ist. Hier in deinem Kramladen. Auf dem Chesterfield da hinten.
Das ist keine gute Idee, sage ich, da sind die Sprungfedern hin.
Ich mach es  sowieso nicht. Ich vergewaltige keine alten Männer. Ich glaube, ich werde dich lieber erschießen. Schon eine Patrone genügt und du klebst informell gemustert an all den blöden Dingen hier. Ein Spritzer Gehirn hängt an der Wanduhr, die Ohren kleben am Schirm der Stehlampe und der Rest wird auch ein Zuhause finden. Und wie du sehen kannst, hat das Teil hier einen Doppellauf. Aber bevor ich dich kalt mache, will ich noch ein bisschen mit dir spielen.
Das habe ich mir bereits gedacht, denn Sie sind ja ein Schauspieler, da liegt Ihnen das ja im Blut.
Genau. Also tun Sie, was ich Ihnen sage, sonst liegen Sie gleich in Ihrem.
Junge, sage ich, pass auf, dass du nicht unglaubwürdig wirst. Eben noch informell weitflächig getupft und nun eine Lache. Das passt doch nicht zusammen.
Nenn mich nicht Junge, ich habe dich gewarnt. Jetzt nehme ich dich als Geisel. Zur Strafe. Das ist jetzt nicht nur ein Überfall, sondern auch noch eine Geiselnahme. Ich will dir zeigen wie grausam eine Frau sein kann.
Daran habe ich noch nie gezweifelt, sage ich, aber bevor du mich umbringst, habe ein Geschenk für dich.

Ich greife unter den Tresen. Dieses durchgeknallte Zwitterwesen zielt direkt auf meinen Kopf.
Schön langsam, Freundchen.
Hier, sage ich, das ist für dich.
Was ist das?
Eine Glocke aus China. Wenn du dir die an die Tür schraubst, kommst du besser drauf.

Holzscheite und feige Hasen

constantin-hahm-stories2Ich fahre zu meinem Holzhändler, um, wie jedes Jahr, 20 Ster Holz zu bestellen, wobei es nie klar ist, ob dieser  Holzhändler gewillt ist, mir, dem Fremden, etwas zu verkaufen. Bislang hat er das zwar immer gemacht, aber es ist jedes Jahr das gleiche Spiel. Zunächst zieht er immer ein sehr bedenkliches Gesicht, so als müsse er erst darüber gründlich nachdenken, ob ich es wert sei, seine wertvollen Scheite verbrennen zu dürfen. Irgendwie rechne ich immer mit dem Schlimmsten, vielleicht, dass er mir befiehlt drei Stunden im Schlamm zu knien, bevor er mir gnädig etwas verkauft.

Hier im Landstrich ist die Macht der Holzhändler ungebrochen. Wer bei denen in Ungnade fällt, der kann sehen wie er den Winter überlebt.  Deshalb ziehe ich mir meine älteste Cordhose und gammelige Gummistiefel an. Ich wollte kniebereit sein.

Oben auf den Hügeln liegt sein Hof. Eine Festung aus Holz und Stein. Links und rechts am Haupthaus kleben Scheunen, Ställe, Baracken und Garagen. Im Wind quietscht schreiend wie ein Ferkel Wellblech. Auf dem  großen rechteckigen Hof watscheln Gänse und picken hungrige Hühner in pampigen Pfützen nach Würmern. Aus einem Stalltor schielt ein schwermütiger Schimmel. Hunde bellen. Einige zerren an ihren Ketten, andere rasen zum Tor, jaulen und jappen mich an, kleine Viecher sind das, bei denen ich nicht weiß, ob sie höflich oder hinterhältig sind. Das Fell buschig und von einer ähnlichen Farbe wie die Sandsteine unten am Fluss. Die Augen listig, die Zähne scharf, so richtige  Stöberhunde, so echte Knickköter, die den Kaninchen und Hasen auf den Feldern Beine machen. Die schöne alte Eingangstür vom Haupthaus öffnet sich. Der Bauer tritt gnädig ins Freie, im Hemdkragen eine große weiße Serviette, die er nun langsam wie ein Zauberer hervorzieht und in der Luft ausschlägt. Es fliegen aber keine Tauben hervor, sondern nur Brotkrümel. Er wischt sich genüsslich den Mund ab, spuckt einen Speiserest in den Blumenkasten mit den roten Geranien, dann winkt er mir huldvoll zu, fast so, als ob der Papst seinen Segen erteilt. Das nehme ich für ein gnädiges Zeichen. Der Bauer trägt eine dunkle Anzugjacke, die so speckig glänzt als sei sie aus Leder. Die Flanellhose steckt in schwarzen Stiefeln. Der Bauer wirkt schon selber wie ein Holzscheit. Von der Witterung krumm gebogen, durchgetrocknet und blau gegerbt. Dann erscheint die Frau vom Bauern. Sie trägt Holzpantinen, eine blaue Schürze und lacht laut. Um sie herum tanzen bellend vier junge Hunde. Auf den ersten Blick klingt das lustig. Aber so lustig ist es nicht. Die Bäuerin versetzt einem der Hunde einen Tritt mit einer Wucht, als schösse sie einen Elfmeter aufs Tor. Mit hoher Geschwindigkeit fliegt ein Fellbündel jaulend durch die Luft und knallt gegen das Vorderrad eines Treckers. Einen anderen  Hund schießt sie zielgenau in das offen stehende Fenster eines der Kleinsthäuser. In dem wohnt der vierundzwanzig Jahre alte Sohn Pierre, der den Hund genauso schnell wieder in die andere Richtung katapultiert.  Der Bauer öffnet das Tor, begrüßt mich und dann zeigt er mir stolz seine Holzvorräte. Endlose Reihen, sauber gestapelte Stämme, Scheite und Rundhölzer. Dabei deutet er abwechselnd auf die linke oder rechte Reihe und sagt: Verkauft, verkauft, verkauft, so dass mir schon ganz schlecht ist, denn wenn er alles schon verkauft hat, was bleibt für mich? Womit soll ich heizen? Die meisten Bauern benötigen das Holz für sich selbst und sie lieben lange Vorratsreihen auf den Wiesen. Das gibt ihnen das Gefühl der Unabhängigkeit. Aber sie verkaufen auch gerne schwarz. Mein Bauer, ein listiges Kerlchen, der ganz ähnlich wie seine Hunde strukturiert ist, beginnt ein Gespräch über die Ölpreise, über die Macht der Konzerne, über die Anfälligkeit von Pipelines und über die horrenden Dieselkosten. Was meinen Sie, fragt er, was so eine Kettensäge verbraucht? Und von denen habe ich zwölf.

Gott ja, sage ich einfühlsam und klopfe Besitz ergreifend gegen einen der gesägten Holzscheite.
Das ist wirklich gutes trocknes Holz, lobe ich.
Weißbuche. Verkauft. 30 Ster. An ein Ehepaar aus Paris, antwortet der Bauer lakonisch
Wie das duftet, schwärme ich weiter.
Das duftet nach Geld, sagt der Bauer stolz. Diese ganzen vier Reihen hier gehören Pierre. Damit habe ich nichts zu tun.
Wir gehen weiter. Holzreihen rund um den Apfelgarten.
Sie haben es hier oben wie im Paradies, schmeichle ich mit öliger Stimme.
Ja, wir wohnen dicht bei Gott, sagt der Bauer treuherzig. Aber im Winter ist es hier oben sehr kalt. Und im Sommer sehr heiß.
Und die Felder? Gehören die zu Ihnen?
Alle.
Ich bräuchte wieder 18 Ster, sage ich schüchtern.
18 Ster? Die können Sie haben.
Während dieser Worte tritt er mit einer blitzartigen Bewegung einem aus dem Nest gefallenen Spatzenkind, das hilflos im Schlamm kriecht, auf den Kopf, absichtlich. Ich höre  die feinen Knöchelchen bersten. Es klingt, als würde ein Ei am Pfannenrand aufgeschlagen. Ohne weiter ein Wort über seine Handlung zu verlieren, preist er die Qualität seiner Holzscheite. Drei Monate später wird sich Sohn Pierre mit der Schrotflinte erschießen, weil er von der Polizei betrunken am Steuer seines Autos erwischt wird und die Beamten ihm den Führerschein abnehmen. In dieser Gegend hier entscheiden sich die Leute ziemlich schnell und machen, wenn es darauf ankommt, kurzen Prozess. Sie treten Vögeln die Schädel ein, sie schneiden ihren Hunden die Kehlen durch, sie erschießen ihre Frauen, sie hängen sich auf oder werfen sich in die Loire. Dabei ist die Gegend an sich lieblich. Der Fluss ist breit und glänzt wie grüner Autolack. An seinen Ufern wellen sich die Wiesen, auf denen vereinzelt Akazien, Birken und Weiden stehen. Alles hier ist ein Einzelschicksal, egal ob Baum, Bauer oder Brücke. Eine dieser Brücken wölbt sich elegant über den Fluss. Baukunst vom Feinsten. Der Deich ist breit und gut befestigt. Dahinter weite Weiden mit ockerhellen Kühen, Kornfelder und ab und zu ein rotes Dach oder ein blauer Fensterladen oder eine graue schiefe Kirchturmspitze und darüber ein weiter endlos luftiger Himmel, in dem kleine weiße Wolken wie Rasierschaum stehen. Das ist das Szenario, die Stimmung im September. Zum Nachmittag wird das Licht fließend wie heißes, helles  Silber. Enten fliegen schnatternd über die Fischteiche. An den Ufern sitzen unbeweglich drei Angler. Helle Sandwege schlängeln sich zu der Festwiesen und von dort wieder über grün gestrichene Eisenbrücken, an deren Eckpfeilern große Kurbeln angebracht sind mit denen die Schleusentore geöffnet oder geschlossen werden können. Das Wasser steht still, die Mücken tanzen in großen Schwärmen in den Strahlen der Sonne und links in der Senke, wo die drei kleinen Teiche hinter Gebüsch und Hecken verborgen sind, pocht ein Specht. Aber in dieser Idylle, in diesem Frieden gibt es immer einen, der sich gerade umbringen will, der sich auf dem Dachboden aufhängen möchte, der Unkrautvernichtungsmittel trinkt oder der so verzweifelt ist, dass er sich an der Türklinke zu erdrosseln versucht. Das sind die Realitäten hier. In dieser Gegend, in der sich die Leute schon morgens Guten Abend wünschen. Es ist eine alte Gegend wie ja alle Gegenden alt sind, aber hier sieht man das Alter mehr als anderswo. Hier ist es so, dass es niemanden verwundern würde, wenn ein mittelalterlich gekleideter Herr, ein Advokat oder Medikus aus einem der kleinen Fenster schauen würde, während gegenüber an der Apotheke der neuste BMW parkt.

Dieser brutale hinterhältige Vogelmord des Bauern in seinem seltsamen Anzug, stößt mich sensiblen Stadtmenschen natürlich ab. Bei so einem Vogelmörder bestelle ich kein Holz, denke ich. Aber bei wem sonst?  Wie gesagt, der Bauer dort oben am Hügel mit seiner Frau und den Hunden und seinem Sohn, der sich drei Monate später erschießen wird, wegen einer Kleinigkeit, der ist meine einzige Hoffnung den kalten Winter warm am Ofen sitzen zu können. Also bestellte ich 18 Ster Holz. Den Vogelkadaver lässt der Bauer ungerührt im Schlamm liegen. Um vierzehn Uhr würde er die erste Ladung liefern, sagt der Bauer und zählt zum dritten Mal die Geldscheine, die ich ihm gebe.

Um vierzehn Uhr stehe ich im Holzschuppen und warte. Und ich warte und warte. Die Sekunden werden zu Stunden. Ich spüre heißen Hass und Verzweiflung im Körper und im Kopf wälze ich schlimme Gedanken. Hat dieser primitive Mensch, dieser Bastard von einem Bauern unsere Verabredung vergessen oder aber hat er keine Lust einem deutschen Künstler Holz zu bringen oder aber hat sein roter Traktor den Geist aufgeben oder aber hat er sich aus Scham ein Vogelmörder zu sein auf dem Dachboden erhängt? Ich komme aus Hamburg und kann unmöglich in die Gehirne der Berrymenschen gucken. Ihre Handlungen sind mir sehr oft unverständlich, fremd, nicht zu erklären. Um mich zu beruhigen, trinke ich ein Glas Birnenschnaps, natürlich schwarz gebrannt. Wer zahlt schon Steuern an den Staat, wenn er nicht unbedingt muss? Nachdem der Schnaps seine beruhigende Wirkung entfaltet hat, tippe ich auf den Trecker, denn dass ich als Künstler hier in diesem Dorf lebe hat noch nie ein böses Wort hervorgebracht. Dieses Kompliment muss ich der depperten Dorfbevölkerung machen. Möglichkeit eins ist auch unwahrscheinlich, denn die Geldgier vom Holzmann ist sehr ausgeprägt und da ich jährlich achtzehn Ster kaufe, bin ich einer seiner Großkunden. Also wartete ich ergeben weiter.

Um drei Uhr höre ich den Trecker verdieselt bis verblödet heran tuckern. Auf dem Hänger sechs Ster Holz und zwei menschliche Figuren. Dazu der Fahrer. Achtzehn Ster brauche ich. Also kommen sie noch zweimal. Der Bauer, der mir das Holz verkauft hat, hat die Lieferung an den Sohn Pierre übertragen. Der arbeitet als Postbote. Aber nur vormittags. Nachmittags wird das Holz ausgeliefert. Wir stapeln zu viert, Dominique, Pierre, Robert und ich. Robert hinkt und zieht ein Bein  nach. Mit seiner Behinderung bewegt er sich jedoch schneller als ein Gesunder auf zwei Beinen. Das steife Bein beschreibt dabei einen nach außen gezogenen Halbkreis. Seine Kleider sind lumpig und verschlissen. Über den Kopf hat er sich ein rotes Tuch gebunden, welches an allen vier Ecken dicke Knoten aufweist. Eigentlich müsste man darüber lachen, aber man lacht nicht, weil es in seiner Selbstverständlichkeit gut ausschaut. Das schmale Gesicht ist mit braunen Flecken überzogen Die dunklen Augen liegen zurückgezogen in den Höhlen. Robert ist sehr freundlich. Seine Bewegungen sind elegant, seine Höflichkeit ist vornehm. Aus ihm leuchtet der Herbst des Mittelalters und eine edle, vornehme Grundgesinnung. Seine augenfällige Armut und Bescheidenheit trägt er mit Stolz und Würde. Er arbeitet in einer Fabrik, die Gießkannen aus Zink herstellt.  Pierre, der Sohn vom Holzhändler, ist da aus einem anderen Holz geschnitzt. Vierschrötig, nicht unfreundlich aber ordinär und auch brutal. Der dritte im Bunde heißt Dominique. Er arbeitet als Mechaniker in der Garage Damien und ist mein Nachbar von weit gegenüber. Alle drei haben eine unterschiedliche Art die Scheite zu stapeln. Pierre knallt sie wahllos übereinander, egal ob die Scheite schmal, breit, kurz oder lang sind. Er arbeitet hektisch, unüberlegt und viel zu schnell. Seine Schubkarre fällt mehrmals um. Pierre schreit merde. Pierre hasst das Holz. Dominique arbeitet ruhiger, gleichmäßiger, eben wie ein gut eingestellter Motor. Arm- und Beinbewegungen sind harmonisch, aber am besten arbeitet Robert. Der nimmt sie Scheite einzeln vom Hänger. Er schaut sie sich genau an. Er legt sie sanft in seine Schubkarre, als wären es schlafende Kinder. Und genauso legt er sie vorsichtig übereinander, nach Größe und Gewicht sorgsam sortiert. In seinem Stapel entstehen auch keine Zwischenräume, während in der Abteilung von Pierre richtige Löcher glotzen. Nach zwei Stunden ist die Arbeit geschafft. Pierre bugsiert den Traktor mit Hänger rückwärts aus dem Garten. Dabei rammt er erstens das Treppengeländer und zweitens das Gartentor. Robert verabschiedet sich mit höfischen Verbeugungen und Dominique brummt wie ein gut eingestellter Sechszylinder in seiner Garage.

Ich räume den Schuppen auf. Auf der Werkbank liegt eine Zeitung die Dominique vergessen hat. Der Titel lautet: Dieses Jahr sind die Hasen feige. Der Autor beklagt, dass die Jäger bisher noch nicht einen Hasen erlegen konnten. So kann man es auch sehen. Weil sie sich nicht erschießen lassen, sind also die Hasen feige.

 

Warum ist der Himmel blau?

IMG_0983aAm Samstag, 19. März 2016,  trieb mich der Hunger in die Boulangerie.

Die Schlange der Brotsuchenden ging bis vor die Tür und dort verdrehte sie sich mit der Schlange der Leute, die in die Apotheke wollten. Es ging nicht vor und nicht zurück. Ich rechnete mit langen Wartezeiten. Aber es kam noch schlimmer als schlimm. Vor mir stand schon im Schutze des Ladens eine Frau mit einen Kaben von vielleicht sieben Jahren. Plötzlich fragt der Kabe die Mutter mit vorlauter Stimme:

Mama, pourquoi le ciel est bleu?
Mais aujourdhui, le ciel est gris, antwortet die Mutter.
Ca, je vois, mault das Knäblein, mais demain, demain le ciel doit etre bleu. Pourquoi?
Qui dit ca, will die Mutter wissen.

Die Mutter ist übrigens nicht nach der Chationäser Arme-Leute- Kleiderverordnung  angezogen, nein, die kommt aus Paris, der Stadt der Liebe, allein schon der lindgrüne Jägermantel mit dem beigen Samtkragen, oh, la, la, da fehlt nur der Jagdhund und das fusile de chasse und das chateau en Berry .

La meteo dit ca, j’ai lu ca sür mon Iphone.
Bon, et alors?
Pourquoi le ciel est bleu?

Und dann dreht sich dieser Dreikäsehoch zu mir und fragt:
Monsieur, pourquoi le ciel est bleu?

Peinlicher Moment für mich. In der Öffentlichkeit rede ich ungern französisch, weil ich für die Sprache einfach zu blöde bin.

Anderseits, da fragt ein Kind, da muss ich antworten. Ich sage also:
Ca c’est tres simple, je vais t’exliquer le phanomen. La, tu vois la grosse boule?
Oui, monsieur.
Mais c’est pas une boule,  Ca, c’est le soleil, sage ich,  et la, autre direction, dans la virtine, tourne ta tete, le petit gateau rond, c’est quoi?
Ca c’est une tete de negre.
Non, c’est pas une tete de negre, ce la terre, ca.  Gauche terre, droite soleil, t’a compris, petit homme?
Qui monsieur.

Bon, alors , entre la terre et le soleil il y a une distance enorme, de milliers des kilometres, et pire que ca, tout et pleine de humidité, million des petits gouts. Et si le soleil jette ses rayons de lumiere dans le univers  tout le gouts brille dans un bleu clairs, et c’est pourquoi le ciel bleu. C’est simpel, non?

Leider, leider machte ich aus innerer Begeisterung über meine profunden Kenntnisse drehende Armbewegungen und stieß die elegante Pariserin an den Hinterkopf und sie stuppte ihr Gesicht in ein Kuchenpaket. Der Knabe bekam einen Lachkrampf. Ce drôle, la campagne.

Und ein buckliges Männlein  verlangte in der boulangerie ein Päckchen Aspirin und ein Morphiumpflaster…