Schiffbruch

Coinstantin-Hahm-Blog-Schiffbruch-2018

Seit einigen Wochen war die Stimmung in der Agentur gereizt. Man wollte mich loswerden, ausbooten, abschießen, versenken. Besonders das weibliche Personal in dieser Agentur war gegen mich. Mein Job bestand darin, Vorschläge für Produktwerbung zu machen, die dann filmisch umgesetzt werden sollten. Dabei versuchte ich neue Wege zu beschreiten, auf denen mich aber niemand von diesen ignoranten, bornierten und restlos rückständigen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen unterstützen wollte. Wie oft hatte ich schon  darauf aufmerksam gemacht, dass die Zeit der simplen Einzelproduktanpreisung zu Ende sei, aber von den Leuten hier hatte das noch keiner mitbekommen. Es genügt nicht mehr, erklärte ich mit Kopfstimme und erhöhtem Blutdruck, dass da eine Frauenhand ein Waschmittel hochhält und behauptet, weißer ginge es nicht mehr. Nein, betonte ich, wir müssen kurze Filme zeigen, die so aussehen als seien sie Trailer für Kinofilme, spannend erzählt, mit Spezialeffekten und allem was heute moderne Filmtechnik ausmacht. Aber das Wichtigste, sagte ich zu diesen Käsegesichtern, ist die Story, die Geschichte. Wenn die nicht stimmt, könnt ihr euch die Babyscheiße in die Haare schmieren, weil kein Kunde die von uns angepriesenen Windeln kaufen wird. Uns ist doch allen klar, dass wir an zwei Fronten kämpfen. Auf der einen Seite hat uns der Kunde damit beauftragt, sein Produkt, diese verkackten Windeln zum Beispiel an das Baby zu bringen. Wir müssen also den Kunden, der diese Windeln herstellt, davon überzeugen, dass unsere Umsetzung, die ja darauf abzielt, dass der Kleinkunde, also diese vielen Mütter und Väter, die völlig orientierungslos in den Supermärkten nach passenden Windeln für ihre kleinen Scheißer suchen, Orientierung bekommen. Wir müssen also diese Mamis und Pappis davon überzeugen, dass sie nur glücklich werden, wenn sie die Windeln von unserem Anbieter kaufen. Das ist das Ziel. Und das gilt für alle anderen Produkte auch. Meine Idee ist nun nicht mehr ausschließlich ein Produkt anzupreisen, sondern in einem Zuge gleich mehrere. Die Artdirektorin, die mich nicht leiden konnte und das nur, weil ich ein gut aussehender Heteromann bin, der dieser Kreativhexe noch nie an die Wäsche gegangen war, legte wie nicht anders zu erwarten, ihren Montblancfüller auf einen Stapel Schreibmaschinenpapier und fragte die völlig unfähige Hospitantin, eine Grafikdesignstudentin im sechsten Semester, ob sie bitte so freundlich wäre, ein Memo von dieser Sitzung abzufassen. Ausgerechnet diese Maike, die sich im Flur auf dem Weg zum Fotokopierer grundsätzlich verläuft, dabei braucht dieses Mädchen nur achtzig Meter gerade aus zugehen, aber nein, die landet grundsätzlich erstmal in der Küche und trinkt Biotee und dann, nachdem sie von ihren Surfabenteuern am Timmendorfer Strand erzählt hat, dann fragt sie, wo denn der Fotokopierer stehen würde. Klar, das findet diese Maike witzig. Ich bin kein Anhänger von Verschwörungstheorien, aber in diesem Fall machte ich mir schon so meine Gedanken. Timmendorfer Strand? Da surfen Sie, fragte ich. Da gibt es doch kaum Wellen. Wenn Sie mir sagen würden, Sie würden in Australien surfen, Whitehaven Beach etwa, das würde mich beeindrucken. Sie habe nicht die Absicht mich zu beeindrucken, antwortete diese Maike frech. Und in Down-Under wäre sie schon viermal gewesen. So würde sie auch aussehen, antwortete ich. Sie müsste sich hier nicht von mir beleidigen lassen, patzte sie zurück. Wer sagt Ihnen denn, dass ich Sie beleidigen wollte, grinste ich. In diesem Moment rauschte die Artdirektorin in die Küche. Was hier los wäre, wollte sie von mir wissen. Was fragen Sie mich das, schoß ich zurück. Sie sind hier im Augenblick der Dienstälteste, fauchte sie. Jetzt nicht mehr, grinste ich. Darauf bekam die Artdirektorin den Mund nicht mehr zu. Das Leben ist grandios, sagte ich, das Leben gehört allen. Meine Tage hier in Agentur wären gezählt. Das würde ihr die Berufserfahrung sagen. Am besten wäre, ich würde mein Immunsystem stärken, Vitamine, vegane Kost, denn es kämen harte Zeiten auf mich zu. Sie ginge jetzt zum Fotokopierer, sagte diese Maike. Ich werde es Ihnen nicht verbieten, aber aufpassen, nicht verlaufen. Wenn hier einer ohne Orientierung wäre, dann wohl ich, hörte ich noch ihre Antwort. Und wenn ich Sie von hinten sehe, habe ich nur einen Wunsch, erwiderte ich. Das sei eine eindeutig frauenfeindliche Bemerkung und würde den Strafbestand der sexuellen Belästigung erfüllen, sagte die Artdirektorin. Ob sie glauben würde, ich würde nicht merken, was sie hier abziehen würde? Männermobbing, Männerbashing. In diesem spannenden Augenblick kam der Agenturchef auf einen Kaffee in die Küche. Wie er sähe, würden sich seine Mitarbeiter gerne in der Kitchinette aufhalten, denn bei seinem Rundgang durch die Agentur seien von sieben Arbeitsplätzen sechs unbesetzt gewesen. Ob man bei dieser Einstellung die Etathöhe von 15 Millionen halten könne? Oder wollt ihr Pfeifen vielleicht, dass ich den Laden zu mache? Ich kann es mir leisten, aber ihr? Ihr seid doch nur eine  lächerliche Ansammlung von kleinen glitschigen Fröschen, die zum beruflichen Laichplatz hopsen. Was es da zu grinsen gäbe, wollte der Agenturchef wissen. Ich muss diesen Menschen beschreiben. Er war der Vater der Agentur und wir waren seine Kinder. Er habe uns hier einen Platz hingestellt, ein Zuhause,  in welchem wir uns kreativ austoben könnten. Aber wer nicht nach seinen Regeln toben würde, müsste sich einen anderen Spielplatz suchen. Dabei sah er mich aus seinen grauen Flackeraugen warnend an. Ich sagte, ich reise gerne. Dazu würde ich schneller Gelegenheit haben als ich bis zwei zählen könne, sagte er. Die grauen Augen erinnerten mich immer an diese Gänse aus Norwegen. Der Agenturchef war einfach das geborene Leittier, deshalb sagte ich, wenn ich einmal wieder geboren werden sollte, würde ich gerne so sein wie er. Für den Satz würde er mir aber keine Jobgarantie geben, sagte der Leitwolf. Diese Agentur läuft nur, wenn wir immer bessere Ideen haben als diese anderen Scheißer, sonst…er schenkte sich Kaffee ein, wobei die Artdirektorin ihm den Zuckerstreuer wegnahm. Zucker sei nicht gut für die Kreativität. Da wäre ich ja ein gutes Beispiel. Ich würde immer Vollmilchschokolade fressen, völlig krank sei das,  Tafelweise, und dazu auch noch schmatzen. Dass Schokolade aus Milch und Zucker hergestellt würde, wäre mir vollkommen egal. Die Milch stamme von Kühen, die verbittert auf den Almen stünden, verbittert, weil der böse Bauer der Kuh das Kälbchen wegnimmt und das Kälbchen umgebracht wird und zu Burgerfleisch verarbeitet wird, aber die dumme Kuh produziert weiter Milch, weil sie glaubt, sie müsse ihr Kälbchen ernähren. Das sei doch Tierquälerei. Aber ich hätte eben nur ein absolut jämmerliches Männer- und Umweltbewusstsein. Zum Glück würde meine Rasse bald aussterben. Chef, sagte ich, so werde ich hier seit Monaten belästigt. Nur, weil ich gut aussehe und unverheiratet bin. Und ich mich nur für intelligente Mädels erwärmen kann. Aber da in der Agentur bedauerlicherweise vom weiblichen Personal niemand intelligent wäre, können mich diese Damen hier auch nicht reizen. Und das nehmen sie mir übel, diese Kreativbestien. Und deshalb rutscht die Agentur auch langsam in die Grütze. Oder in die ranzige Muttermilch. Das sagte ich. Es gibt Sätze, nach denen kann kein Satz mehr kommen. Das sind die Endgültigkeitssätze, die Ewigkeitssätze und mit so einem hatten wir es jetzt in dieser Schickimicki-Kitchenette zu tun. Sätze dieser Art wirken wie Hohlmantelgeschosse. Ist meine Spezialmunition. Und ich feuerte noch einen Schuß ab. Ich kenne euch alle mit Namen, drohte ich mit Googleaugen, ich weiß, was ihr heimlich macht, was ihr für ein unanständiges Zeug treibt und ich spreche vier Sprachen fließend, damit will ich sagen, dass ich keine Untertitel im Film Leben brauche, so ein Kreativgenie wie ich es bin, lässt sich doch nicht von einer Horde durchgeknallter Feministen fertig machen. Ich wäre doch hier nicht der verbale Aufwischlappen. Der Leitwolf meinte, ich solle mich mal abregen. Die Artdirektorin meinte, meine unkontrollierte Wortkotze werde durch den Überfluss an Zucker noch verstärkt und diese Maike, die auf ihren roten Sneakers durch die Küche rutschte, als sei sie beim Eiskunstlauf, verkündete, sie habe den Fotokopierer gefunden, ganz ohne Navi. Tolle Wurst, meinte der Leitwolf und schaute auf seine Armbanduhr, die ich sofort als eine EPOS Kollektion Emotion 3395 identifizierte. Um 14 Uhr treffen wir uns im kleinen Sitzungsaal (interne Bezeichnung: Das U-Boot). Dann kann uns das Kreativgenie Birnbaum mal vortragen, wie wir diese Knorrsuppenkampagne an Bord hieven. Falls sich Herr Birnbaum nicht vorher das Leben nimmt, meinte die Artdirektorin. Maike kicherte. Den Gefallen werde ich Ihnen nicht tun. Schade.

Um vierzehn Uhr begann das Meeting. Also, jetzt mal alle den Fantasyknopf drücken, sagte ich. Achtung, fertig, los. Dunkle Nacht, der Sturm brüllt, der Sturm faucht, der Sturm kreischt, der Sturm jault. Turmhohe Wellen, Gischt, Regen, Donner, Blitze. Und in diesen entfesselten Elementen, in dieser nassen heulenden Hölle, in diesem Inferno,  kentert ein Schiff, ein nostalgischer Teakholzschoner. Die Masten brechen weg, die Takelage klatscht gegen den Rumpf, eine Riesenwelle dreht das Schiff, als sei es ein Brotteig beim Bäcker. Ende. Cut. Der nächste Tag. Blauer Himmel, das Meer ruhig, die Sonne scheint, als sei witterungsmässig nie etwas anderes geschehen. Und jetzt genau hinschauen. Ein Mädchen wird an den Strand gespült. Splitternackt. Allein dieses Bild steigert die Quote. Und warum? Weil der Zuschauer neugierig wird. Der weiß nämlich nicht, um was es geht. Das Mädchen erwacht. Es schaut sich erstaunt um. Es kann gar nicht begreifen, was geschehen ist. Es weiß auch nicht, wo es sich befindet. Es liegt nur verdutzt auf dem Bauch im Sand, schaut erst nach links, dann nach rechts. Froschperspektive. Der Strand ist breit, der Strand ist weit, der Strand ist sauber. Weißer warmer Feinsand. Wie im Prospekt. Am Uferrand Palmen. Es ist warm. Angenehm geradezu. Die Sonne trocknet  den nackten Körper. Die junge Dame ist hübsch. Sie erhebt sich. Sie ist wirklich gut gebaut. Ein Hingucker. Pralle Brüste, schmale Taille, runder Po, kräftige Beine. Der Körper leicht gebräunt. Bis auf den einteiligen Badeanzug, welchen das Mädchen getragen haben muss, denn der hebt sich gut sichtbar heller ab. Das wollen die Leute sehen. Dann buchen die sofort eine Fernreise in die Karibik. Kontakt wird eingeblendet. Wir müssen an das Unterbewusstsein dieser Konsumgurken ran. Wie gesagt, dieses Mädchen trug mal einen aufreizenden Badeanzug, einen von der Sorte, die immer so verführerisch verrutschen und die Pobacken zeigen. Wo kann man den bestellen? Kontakt wird eingeblendet. Das Mädchen putzt sich mit den Händen den feinen Sand vom Körper. Von den Brüsten, dem Bauch und den Pobacken. Sand vom Baumarkt wird eingeblendet. Es schaut aus, als gäbe sich das Mädchen selbst ein paar Klapse hinten drauf. Hat sie vielleicht auch verdient. Wer weiß? In welche Richtung soll sie gehen? Nackt wie sie ist? Diese süße Venus. Nun, sie geht in die Richtung, in der sie etwas Dunkles am Strand liegen sieht. Sie kann nicht erkennen was es ist. Aber nach ein paar Minuten steht sie vor einem angespülten Koffer. Sie öffnet den Koffer. Was ist drin? Eine Kollektion winziger Slips, alle in schwarz und alle von der Sorte, wie sie freche Mädchen gerne tragen, also hinten nur ein Bänzel, mehr nicht. Modemarke wird eingeblendet. Immerhin. Besser als nichts. Das Mädchen zieht eines dieser Höschen an. Jetzt fühlt sie sich nicht mehr so nackt, obwohl sie merkwürdigerweise erst mit dem Höschen richtig nackt wirkt. Sie nimmt den Koffer und schleppt ihn unter eine Palme. Dabei fällt sie hin. Das sieht sexy aus. Eingeblendet wird eine Heilsalbe. Im Schatten der Palme ruht das Mädchen aus. Warum weiß niemand, aber sie fängt an die Slips zu zählen. Es sind 48. 48 Slips. Immerhin. Aber zum Überleben wird das nicht reichen. Zum Überleben braucht man noch ein paar andere Dinge. Das weiß das Mädchen. Kontakt Fernstudium: Überleben in der Wildniss. Aber das Schicksal ist gnädig. In den Wellen schwimmt noch eine Kiste. Das Mädchen springt in die Wellen. Ein entzückender Anblick. Das Wasser spritzt an ihren Körper. Das Mädchen sieht aus wie ein schöner Fisch, eingeblendet: Angelurlaub in Norwegen.  Sie zerrt die zweite Kiste aus der Brandung. Was mag in der Kiste sein? Es ist die Kiste vom Schiffskoch. Das Mädchen findet eine weiße Schürze, drei Kochmützen, sechs Kochlöffel, ein Messer, einen Spiritusbrenner und Streichhölzer. Eine Schachtel mit Gewürzen, ein Sparbuch, einen Pass, einen breiten Ledergürtel und zwei Paar Turnschuhe (Convairs). Immerhin. Die Turnschuhe passen. Das Mädchen bindet sich die Schürze um. Immerhin. Nun sind ihre Brüste verdeckt. Die dummen Dinger. Von hinten betrachtet sieht das Mädchen zwar immer noch mehr als nackt aus, aber das wirkt reizvoll. Die Schürze ist übrigens aus weißem Gummi und glänzt. In diesem Aufzug steht unsere Venus da. Und wieder eine Kiste. Ja, hört das denn gar nicht auf mit diesen Kisten? Und wieder in die Brandung. Und wieder klatschen die Wellen an den Körper der Venus, als wollten sie sie begrüßen, um mit ihr zu spielen. Und was ist in der dritten Kiste? Lebensmittel? Tatsächlich. 300 Tütensuppen der Marke Knorr. Zum Aufbrühen. Gerettet. Bingo.

Im U-Boot war es so still, als würde der Wasserstoffbombenangriff eines feindlichen Zerstörers unmittelbar bevorstehen. Und, sagte ich, ich weiß auch, wer das Mädchen spielen soll. Ich weiß, wer dazu gerade prädestiniert ist. Es ist, Spot an,  unsere Maike. Die bringt alle Voraussetzungen mit, dieses Mädchen zu spielen. Maike, das führt direkt nach Hollywood. In die Saustudios vom Herrn Weinstein, bemerkte die Artdirektorin sichtlich sittlich empört. Sie, die Artdirektorin, würde ja altersbedingt nicht mehr für diese Rolle in Frage kommen, antwortete ich, aber unsere Maike schon. Also Maike, sprach ich die junge Dame nun direkt an, nutzen Sie diese einmalige Chance. Oder wollen Sie bis zur Rente hier Kaffee aufbrühen, den Fotokopierer suchen und Tintenpatronen wechseln? Falls Sie nicht vorher gekündigt werden, weil das U-Boot versenkt wurde. Was machen Sie dann? Jemand mit der Begabung von Maike findet immer eine Anstellung, zeterte die Artdirektorin. Ob sie vielleicht lesbisch wäre, wollte ich von der Zeterziege wissen. Sie würde auf mich den Eindruck einer Lesbe machen. Ob ich schwul wäre, ich würde auf sie, die Artdirektorin, den Eindruck machen, ich sei homosexuell. Dazu noch einer von der verklemmten Sorte.
Wie kommen Sie darauf?
Ihre Kleidung verrät Sie. Welcher Heteromann trägt schon gelbe Lederschuhe?
Das war ein Sonderangebot aus der Bucht.
Und Sie haben diese Dinger gekauft? Gelbe Schuhe? Machen Sie doch mal eine Recherche über gelbe Schuhe.
Die Schuhe waren ein Geschenk von meiner Freundin.
Freundin? Sie haben doch gar keine Freundin.
Woher wissen Sie das?
Sie kauen an den Fingernägeln. Männer, die an Fingernägeln kauen haben keine Freundin. Hätten Sie eine, würden Sie nicht Nägel kauen.
Sie sind doch bloß beleidigt, weil ich mich mehr für Maike interessiere als für Sie. Aber ich kann Sie beruhigen, Maike ist überhaupt nicht mein Typ. Jemand, der nach drei Wochen bei uns immer noch nicht weiß, wo der Fotokopierer steht, ist nichts für mich. Ich brauche eine Partnerin mit Orientierungssinn, nicht jemanden, der sich immerzu verläuft. Wie soll denn das im Urlaub gehen? Die steht doch nur am falschen Schalter und sitzt im falschen Flieger.  Aber es geht hier nicht um persönliches, sondern für mich steht in erster Linie die Agentur im Vordergrund.
Bei diesen Worten sah mich der Leitwolf mit Tränen in den grauen Augen an. Der Mann war knapp über fünfzig und wirkte auf mich ausgebrannt wie ein alter Eisenofen. Mich würde es nicht wundern, wenn ihm, dem Leitwolf, in seinen letzten Lebensminuten grauer Rauch aus den Ohren dampfen würde. Der Mann war reif für den Schrotthändler, aber wer sollte ihm das sagen? Ich vielleicht? Nein, nein, dazu bin ich zu gut erzogen. In seinem Büro stand ein hochmoderner Applecomputer. Aber den machte der Leitwolf nie an. Er hasste Computer und somit hatte er technisch vollkommen den Anschluss an die digitale Welt verloren. Was ihn noch rettete, war seine Erfahrung, die er in der analogen Steinzeit gesammelt hatte. Und mit dieser Pirschnase zog er Aufträge in die Agentur. Schon seit Jahren hatte er ein Verhältnis mit der Artdirektorin. Oder sie mit ihm. Einmal habe ich die beiden in flagranti erwischt. Die Herrschaften lagen im Büro auf einem Teppichteil, welches  mit diesen albernen Hüpfmännchen von Keith Haring oder Hering bedruckt war. Der Leitwolf auf dem Rücken, die Artdirektorin hockte auf seinem Brustkasten, würgte den Leitwolf, der schon röchelte wie ein Eber, der am ersticken war und sie keuchte: Ich bring dich um, ich bring dich um. Ich fragte, ob ich behilflich sein könne. Die Artdirektorin, die zu der Zeit auf wilde Zora machte und sich die Haare rot gefärbt hatte, lockerte ihren Würgergriff. Der Leitwolf fuhr mich an, ob ich nicht sehen könne, dass er sich in einer privaten Besprechung befände? Ich weiß, darüber kann auch niemand mehr lachen. Ist mir aber jetzt mal scheißegal, ob der Leser, gleich welchen Geschlechts er auch ist, lacht oder nicht lacht. Ich schreibe nur auf, was ich erlebt habe.

Zurück ins U-Boot. Nachdem ich meine verbale Präsentation beendet hatte, herrschte Stille. Wie ich diese Stille bewerten würde, fragte mich nach einigen Minuten, die mir wie Jahrhunderte vorkamen, der Leitwolf. Nun, sagte ich, eine Dialogverweigerung mag ich nicht zu erkennen, mehr wohl ein bewunderndes Schweigen, denn wie Sie sicher alle zugeben werden, sind meine Vorschläge brillant. Alles hängt jetzt von unserer Maike ab. Doch fragen wir das schöne Kind doch einmal direkt. Liebe Maike, seitdem Sie uns mit Ihrer lieblichen Anwesenheit die tristen Tage in dieser Agentur veredelt haben, hat sie ein jeder lieb gewonnen und wir wären alle gern der Fotokopierer, nach dem sie immer suchen. Wir hatten schon viele Hospitantinnen. Gott, wenn ich da nur an diese alles besser wissende chinesische Austauschstudentin denke, die jedem von uns die Arbeit, die schnelle Arbeit am Bildschirm erklären wollte. Mir nicht, brummte, der Leitwolf. Als sie mich damit nervte, habe ich sie achtkantig rausgeworfen. Oder diese Gisela aus Flensburg, die ihren acht Monate alten Säugling Herbert ohne Ankündigung mit in die Agentur bringt. Uns waren natürlich die Hände gebunden. Und beim Brust geben, spritzte immer Muttermilch auf die Tastatur und Windeln lagen auf dem Küchentisch und alles stank nach Babyscheiße oder Babykotze. Ob sie das Kind nicht eine Krippe gegen könne? Erinnert ihr euch noch an das empörte Gezeter? Als ob der Fuchs in den Hühnerstall eingedrungen wäre. Das wäre Diskriminierung am Arbeitsplatz und so weiter. Dagegen ist unsere Maike einfach ein Schatz. Und Sie haben alle Voraussetzungen zum Filmstar, bog ich mich wieder Richtung Maike, die sich ganz verlegen am linken Ohr kratzte. Wir brauchen nur Probeaufnahmen. Probeaufnahmen, wiederholte die Artdirektorin, nicht zu fassen, das Ganze. Ohne Innovation kein Erfolg, gab ich zurück, und wie hier wohl jeder weiß, lege ich keinen Wert auf Komfort bei beruflichen Entscheidungen, bei mir tut es auch ein schlichter Stuhl am Schreibtisch. Ob das eine Anspielung auf ihre neue Büroeinrichtung sein solle? Sie, die Artdirektorin, könne nun einemal nicht in einer unästhetsicehn Umgebung denken. Deshalb wäre sie auch sehr dankbar, wenn ich mich mal wieder rasieren würde. Das nenntent sich Drei-Tagebart, den tragen alle Kreativen, um an zudeuten, dass sich hier in Arsch aufreißen, denn, falls es Ihnen entgangen sein sollte, die Anforderungen, die an die Agentur gestellt werden, sind von Jahr zu Jahr schwieriger geworden. Also mit Wellness hat das hier nichts zu tun. Wer oben im Sattel bleiben will, muss unbarmherzig die Sporen einsetzen. Bei diesen gewaltigen Sprachbildern, könne sie nur davon ausgehen, dass ich meine Freizeit im Ponyhof  verbringen würde, giftete die Artdirektorin. Freizeit, höhnte ich. Freizeit habe ich seit drei Jahren nicht genossen. Ob dass eine Beschwerde sein solle, beschwerte sich  die Graugans und drohte: Ein Torpedo von mir und Sie saufen ab. Bravo, Applaus. Die Artdirektorin klatschte in die Hände. Ich würde sie an einen überflüssigen Tintentank erinnern. Ballast braucht das U-Boot nicht. Im Universum führt eins zum anderen, nennt sich Kettenreaktion, antwortete ich. Also, bevor Sie sich hier zu unüberlegten, also nicht zielgerichteten Schnellschüssen hinreißen lassen, sollten Sie einmal das Ziel überprüfen. Und das Ziel bin nicht ich, sondern ist dieser Auftrag von Knorr. Die wollen was ganz Neues, nicht mehr so ein hausbackenes Gemache. Und in dieser Gefechtssituation pissen Sie mir ans Bein? Das ist ja wohl mehr als Kontraproduktiv. Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, dass ich Sie nur warnen kann auf Ihrem Weg, sonst machen Sie Bekanntschaft mit Gefühlen, die Ihnen bislang fremd waren und da rede ich nicht nur vom Orgasmus. Das sei eine Unterstellung, eine Verleumdung, beschwerte sich die Artdirektorin. Ich sei wohl vollständig verrückt geworden. Sie müsse sich hier nicht von mir mit geschmacklosen Bemerkungen über ihr Sexualleben bewerfen lassen. Leben nennen Sie das? Jeder Radiergummi lebt doch geschlechtlich besser als Sie. Für einen kurzen Moment dachte, die Artdirektorin würde mir den Freischwinger zur ihrer Rechten an den Kopf werfen, zumindest würde sie es versuchen, denn sie war aufgesprungen und fauchte vor Wut unverständliche Worte, dazu fletschte sie die leicht gelben Zähne, aber bevor ich noch den Rat geben konnte, sie solle sich die Zähne weißen lassen, ging die Graugans dazwischen. Noch sei er hier in diesem U-Boot die höchste Instanz, der ranghöchste Offizier, der Kapitän, der Kaleu, brüllte er los. Er bestimme den Kurs. Und der Kompass zeigt eindeutig ins Knorrland. Und die Hauptstadt von Knorrland heißt Aromat, schrie ich. Und um Aromat zu bekommen, brauchen wir Maike. Aber wenn Maike nicht mitspielt, den Ernst der Lage verkennt, können wir alle abmustern. Wollen Sie das Maike?

Ich hätte es ja auch nie für möglich gehalten, dass eine Hospitantin mit dem Intelligenzquotienten eines Teebeutels und ohne jeden Orientierungssinn dazu auserkoren war, unsere Agentur zu retten. Aber wozu braucht Maike überhaupt einen Orientierungssinn, wenn doch allen bei ihrem Anblick diesen verlieren? Wie soll das erst werden, wenn sie unbekleidet vor die Kamera tritt? Die Leute werden nur noch Knorrsuppen und Kompasse kaufen, Badeanzüge bestellen und Fernreisen buchen. Ich versuchte sachlich zu bleiben und führte aus, dass nach meinen Erfahrungen die Anforderungen an die Agentur von Jahr zu Jahr größer geworden wären, aber gerade das fordere uns heraus, sporne uns an, dieses Gefecht würden wir annehmen. Das Knorrprojekt gäbe uns wieder das Gefühl auf Feindfahrt zu sein. Teleskop ausfahren, Feind sichten, Fächertorpedos wässern, Ziel anpeilen und  los. Auftrag abgeschossen und damit abgeschlossen. Das verlangt der Firmenjob. Übrigens, die Agentur hat keine Security, wir müssen Maike schützen. Die rennen uns die Bude ein wegen der Krabbe. Maike, nun mach dich mal locker. Gleich gibt’s was zu knabbern. Hilft beim Denken. Nachricht angekommen? Frage direkt an dich: Wie geht es Dir heute? Bei den Karriereaussichten? Mensch Mädel, Brust raus. Der erste Eindruck ist der der bleibt. Bleiben wir einfach proaktiv. Was ich hier in den letzten Jahren geleistet habe, kann ich das bitte noch mal aufzählen? Bitte nein, wehrte sich die Artdirektorin und ich solle aufhören Maike anzubaggern. Ich solle mich einmal, nur einmal  wie ein Profi verhalten. Aber Maike ist doch ziemlich attraktiv, wer wollte das bestreiten, fragte ich in die Runde.  Maike, nun sag doch auch mal was. Hast du eigentlich einen Freund. Ja, den Kevin, antwortet Maike ganz treuherzig. Sie könnte ja auch die Aussage verweigern. Sie könnte ja auch sagen, das geht Sie gar nichts an. Aber vielleicht dachte sie schon an ihre Hollywoodkarriere. Kevin. Allein schon der Name. Und was macht dieser Kevin, außer dass er dich anhimmelt, wollte ich wissen. Der studiert BMW. Das heißt BWL, Maike, aber das ist auch egal. Das sollte ein Witz sein, sagte Maike. Ach so, ein Witz, Entschuldigung, ich lache später. Von dem Herren Kevin musst du dich aber trennen. Der passt aber mal so etwas wie überhaupt nicht in dein Karrieremuster. Der ist der reinste Fremdkörper. Wie eine Null unter lauter Einsern. Aber meine Omi mag ihn. Und außerdem käme es darauf an, wo die Eins stünde, stünde sie nämlich links, dann wäre… Ich merke schon, dass du heute ganz witzig drauf bist, lobte ich, und wenn deine Omi diesen Kevin mag, dann schick ihn zu ihr, während du nach Hollywood fliegst, first ckass. Wie heißt deine Omi überhaupt?
Omi Jansen.
Und was macht die Omi Jansen ausser, dass sie am Ende des Monats den Rentenbescheid studiert?
Die leitet eine Pension am Timmendorfer Strand. Da surfen wir immer. Kevin surft auch.
Na, sieh mal an, dann hat er bestimmt einen Waschbrettbauch.
Was Sie alles wissen wollen.
Maike, ich versuche hier nur deine Karriere zu strukturieren. Aber, wandte ich mich an die übrigen Teilnehmer dieser außergewöhnlichen Runde, als erstes müssen wir uns mit dem Fotostudio Mahn in Verbindung setzten. Wegen der Probeaufnahmen. Und dann müssen wir diesen Cornelius überzeugen, dass der uns den Etat rüberschiebt. Ich sprach Maike wieder direkt an und wollte von dieser nordischen Schönheit wissen, ob sie grundsätzlich bereit wäre, ihren herrlich geformten Körper dieser Knorrgeschichte zur Verfügung zu stellen? Oder ob sie da vielleicht Probleme mit ihrer sicherlich weit entwickelten feministischen Einstellung bekäme? Ob das ihr softspot wäre? Wir können über alles reden, sagte ich. Wir wollen ja nicht, dass Sie schlaflose Nächte bekommen und dass Sie sich mit Schuldgefühlen herumplagen müssen, die, nebenbei bemerkt, völlig überflüssig sind. Wegen der Nacktszenen. Zur Beschützerin haben Sie ja die Artdirektorin. Maike wurde kokett. Sie müsse das erst mit Kevin und Oma Jansen abklären. Abklären. Klingt wie beim Arzt, aber was geht mich der Sprachschatz dieser belämmerten Maike an? Ich war nur an ihrer körperlichen Erscheinung interessiert und zwar im Interesse der Agentur und meiner finanziellen Zukunft. Damit das einmal klar ist. Das sagte ich auch dem Leitwolf und der Artdirektorin in Abwesenheit von Maike, die wir mal wieder zum Fotokopierer geschickt hatten und nach den bisher gemachten Erfahrungen dürfte der Weg dahin für Maike lange dauern, so dass wir genügend Zeit hatten uns alleine zu besprechen. Was halten Sie von ihr, fragte ich den Leitwolf. Bis lang nicht viel, aber für die Rolle mit der Knorrtüte  wäre sie brauchbar. Der Anblick dieses Geschöpfes wirke jedenfalls wie  ein Geschmacksverstärker. Also sollten wir die Butter in den Eisschrank stellen, bervor sie in der Sonne schmilzt. Welche Butter, fragte die Artdirektorin. Der Leitwolf antwortete darauf, dass, wenn sie, die Artdirektorin noch einmal so eine blöde Frage stellen würde, dann würde er, der Leitwolf, sie eigenhändig im Aquarium ertränken. In welchem Aquarium, fragte die Artdirektorin, hier gäbe es kein Aquarium. Aber ich könnte es schnell in der Tierhandlung  ordern, sagte ich. Und lachte. In diesem Augenblick der Hochspannung kam Maike zurück. Sie könne den Fotokopierer nicht finden. Der Leitwolf schlug seine rechte Hand klatschend auf die Tischplatte. Er habe es gewusst. Er sei von Idioten umzingelt. Letzte Chance, Maike, sagte ich. Sie solle mal ihren Freund, diesen Kevin anrufen und ihm die Sachlage schildern. Wir hätten gerade noch ein Zeitfenster von 47 Minuten, dann wolle der Knorrkonzern Fakten auf dem Tisch sehen. Am besten wir schicken mal zur Anregung ein hübsches Foto von Ihnen auf dem Surfbrett an den Konzern. Nur so als Anregung. Das dürften Sie ja sicher auf ihren Ipad gespeichert haben. Oder eins unter der Dusche. Dann wissen die Leute von Knorr schon, mit wem sie es zu tun haben. Maike protestierte. Das müsse sie erst mit Kevin besprechen. Ja, dann gehen Sie endlich  auf die Terrasse zum Talken mit ihrem Kevin, schimpfte der Leitwolf, oder meine Hand landet das nächste Mal nicht auf der Schreibtischplatte. Die Artdirektorin wollte den Mund aufmachen, aber der Leitwolf sagte nur scharf und knapp, Schnauze, sonst Beule. Maike verschwand auf die Terrasse. Dort konnte ich sehen wie sie heftig gestikulierend auf und ab ging. Der Leitwolf wurde weinerlich. Er meinte, er habe den Draht zur Jugend verloren. Er wolle ehrlich sein. Er würde alle die jünger wären als er, zutiefst hassen. Am liebsten würde er die Menschheit in ihrer Gesamtheit ausrotten. Dabei sei er früher mal ein positiv denkender Mensch gewesen. Aber das Positive sei ihm mit den Jahren vollkommen abhanden gekommen. Mit dieser Einstellung, meinte die Artdirektorin, würden wir niemals den Knorrkampf gewinnen. Er solle sich mal coachen lassen. Bevor es zu spät wäre. Seine Libido würde ja auch schon nicht mehr richtig arbeiten. Ob sie dieses Thema hier bei der Besprechung über die Knorrangelegenheit ausbreiten wolle? Wenn hier einer gecoacht werden müsse, dann ohne Zweifel sie. In diesem Moment kehrte Maike
Und? Was sagt Kevin?
Er sagt nein.
Er sagt nein? Der Junge ist ja nur eifersüchtig. Der will sie nicht beschützen, der will sie bewachen und ihre Karriere verhindern, weil er weiß, dass er sie dann verlieren würde. So einer ist das, ihr Kevin. Der kann gerade mal eine Schlappwelle in der Ostsee bewältigen. Das sagte ich. Geben Sie uns Anhaltspunkte, Maike. Warum hat Kevin nein gesagt. Hat er eine Begründung abgegeben? Ich flehe Sie an. Können wir diesen Kevin umstimmen. Und wenn ja mit was? Und was ist mit Ihnen, Maike? Haben Sie auch etwas dazu zu sagen? Haben Sie einen eigenen Willen oder sind Sie von diesem Kevin abhängig, sexuell abhängig? Überlegen Sie doch in Ruhe, was das für eine Möglichkeit für Sie ist. Sie könnten ganz groß ins Filmgeschäft einsteigen. Sie haben das Zeug dazu. Sie sind große Klasse. Sie verkörpern Zeitgeist. In Ihnen wird sich eine ganze Generation wieder erkennen. Und da hören Sie auf diesen Kevin mit seinem dämlichen Waschbrettbauch? Ich dachte, Sie seien emanzipiert, eigenständig, selbstbestimmt, aber so wie Sie sich jetzt geben, erinnern Sie mich an das finstere Mittelalter. Sollte es bei dem Nein bleiben, sage ich Ihnen jetzt schon, dass Sie es bereuen werden. Sie werden schlaflose Nächte haben. Die Angst eine Fehlentscheidung getroffen zu haben wird größer und größer. Manchmal haben Sie das Gefühl Millionen von Ameisen kriechen unter Ihrer zarten Haut herum und sie müssen sich zwanghaft am ganzen Körper kratzten. Am ganzen Körper, verstehen Sie, also auch im Intimbereich. Da können Sie keiner geregelten Tätigkeit mehr nach gehen, sind immer zu geisteskrank geschrieben und steigen die soziale Leiter nicht hinauf, sondern Sie rutschen abwärts in Richtung Harz 4. Harz 4 ist die letzte Haltestelle im sozialen Netzwerk des öffentlichen Nahverkehrs. Das ist der Nullpunkt der menschlichen Existenz. Und wir als verantwortliche Betreiber dieses Kreativkahns U-Boot müssten Ihnen kündigen, da Sie in keinster Weise die Aufgaben einer Hospitantin erfüllt haben. Im Übrigen laufen Sie noch auf Probezeit, also machen Sie sich nichts vor. Ich habe eine Mängelliste über Ihr Fehlverhalten angelegt. Jemand, der nach Wochen immer noch nicht weiß, wo der Fotokopierer steht, passt nicht zu unserer Firmenphilosophie. Blindgänger können wir nicht beschäftigen. Wenn es also bei Ihrer Entscheidung bleibt, dass Sie uns in dieser Knorrsache hängen lassen, werden Sie ausgemustert wie ein paar zerfetzte Segel. Ich schreibe einen Brief an Ihrer Oma Jansen, indem ich ausführe, dass Sie in keinster Weise unseren Anforderungen genügen, da hilft auch ihr zugegeben hübscher Körper und Ihre zugegeben blauen Kulleraugen nichts. Fahren Sie mit Kevin an den Timmendorfer Strand, diesen nostalgischen Trümmerhaufen von Seebad und wohnen Sie bei Oma Jansen und surfen Sie, mehr wird es nicht mehr werden. Chance vertan. Das war’s, mehr war’s nicht. Au revoir. Das ist französisch und heißt so viel wie schieb deinen süßen Arsch hier raus, du dumme Nuss. Daraufhin wurde Maike frech. Ich sei doch hier das größte Arschloch an Bord (wörtlich), ein triebgesteuerter Psychopath, der seine abartigen Fantasien auf Kosten von Abhängigen ausleben würde. Diese ganze Knorrgeschichte sei doch das Albernste was sie je gehört habe. Ich wolle doch nur ein nacktes Mädchen filmen lassen, um die Suppe ginge es mir doch überhaupt nicht. Dieser ganze Schwachsinn mit dem Schiffsbruch und dem Strand, auf dem sie nackt liegen sollte, ja geht es noch, schrie sie mich an. Dafür wollen Sie mich einspannen? Was ich glauben würde wie blöde sie sei? Darüber habe ich schon oft nachgedacht, gab ich zurück. Jetzt weiß ich es. Sie sind saublöd, denn wer wirft freiwillig einen gültigen Lottoschein mit sechs Richtigen in die Mülltonne? Wir bitten Sie doch nur um ein paar Probeaufnahmen. Wenn die ergeben, dass Sie für diese Knorrsache untauglich sind, Schwamm drüber, alles vergessen und wir gucken uns nach jemand anderen um. Das ganze Internet wimmelt doch nur so von hübschen Mädchen. Da wird sich ja wohl eine willige Dame finden lassen. Mit Ihnen dachte ich, könnten wir das Prozedere einer langatmigen Recherche abkürzen. Das Fotostudio hat in zwanzig Minuten einen Termin frei. Also, mein Vorschlag ist, wir gehen da hin und eine halbe Stunde später haben wir aussagekräftige Resultate. Davon müssen Sie ja nun ihrem Kevin oder Ihrer reizenden Omi nichts erzählen. Wir nehmen die Artdirektorin mit. Die sieht ja so wieso immer aus wie eine englische Gouvernante.
Der Leitwolf löste sich aus seiner traurigen Stimmung, lachte und meinte, dass mit der englischen Gouvernante sei treffend, ich sei schon ein verdammt guter Kreativdirektor. Und Maike ist das ungezogene Schulmädchen und braucht ein paar hinten drauf. Der Leitwolf lachte noch lauter und zog ein Gesicht, als sei er der große böse Wolf in Person. Also Maike, nun kommen Sie mal runter von Ihrem Spießerstuhl und machen Sie sich locker. Brust raus und so. Wir wissen ja alle, dass Sie ganz feministisch angehaucht sind. Das hier dient aber doch einer guten Sache. Christlich gesprochen würde ich sagen, da müssen Sie mal den Ordner Nächstenliebe aufmachen.
Diese Argumente schienen Maike zu beeindrucken. Immerhin hatte sie die Augen geschlossen, presste sich eindrucksvoll die Zeigefinger zur Konzentrationssteigerung an die Schläfen und versank für uns alle sichtbar in den Modus tiefes Nachdenken. Kaum, dass wir wagten zu atmen. Nach etwa dreißig Sekunden nahm sie die Finger von den Schläfen, klappte die Augenlieder auf und sagte:
Gut, ich bin einverstanden.
Braves Mädchen, lobte der Leitwolf, mein Instinkt hat mir gesagt, dass ich mich auf Sie verlassen kann. Sie habe immer gesagt, dass der Leitwolf im Grunde genommen ein Tier sei, wie alle Männer, bemerkte die auf Gouvernante getrimmte Artdirektorin. Aus taktischen Gründen ging ich auf diese in meinen Ohren lächerlich klingende Behauptung nicht ein, denn es stand wichtigeres auf dem Spiel. Probefotos von Maike.

Das Fotostudio Mahn befand sich drei Häuserblocks von der Agentur entfernt. Wir also los. Im Gänsemarsch. Der Leitwolf voran, dann die Artdirektorin, gefolgt von Maike und ich bildete die Nachhut, um die Kolone gegen feindliche Rückenangriffe abzusichern. Aber auf der Straße alles friedlich. Schläfriger Nachmittag. Einige mit überhöhter Geschwindigkeit rasende Autos röhrten an uns vorbei. Die Sonne hatte sich schüchtern hinter einem klebrigen gelbgrünen Schleier versteckt, indem sich Flugzeuge wie Fliegen verfangen hatten. Die auf der anderen Straßenseite liegenden Grünflächen wirkten mit ihren Bepflanzungen modellhaft langweilig, aber immerhin. Strauch, Busch, Rabatte, Gehweg, Laterne, Bank, Papierkorb. Vier hohe Birken grabschten gierig nach den Wolken. Das Flussband schimmerte ölig und die auf der Oberfläche schwimmenden Schwäne schienen fest geklebt zu sein. Maike hatte einen aufreizenden Gang. Wie die den Hintern bewegte, das war schon sehenswert. Aber ich bemühte mich sachlich zu bleiben. Es ging im Sinne des Wortes schließlich um mehr. Der Asphalt roch nach verbranntem Pelikanklebstoff. Das sind hier ganz schöne Prachtvillen, sagte ich zur Maike, hier leben die Reichen und die Schönen. Da könnten Sie auch bald wohnen, lockte ich. In den prächtigen Vorgärten krochen mit Sicherheit schlecht bezahlte Hilfskräfte käferartig in gebückter Haltung, in den behandschuhten Händen funkelnde Scheidwerkzeuge haltend, Äste schneidend durch Hecken und Sträucher, während die Herrschaft im neusten Benz, im neuesten Porsche oder im neuesten Rolls langsam aus der oder in die Tiefgarage fuhren. Audi, BMW und VWs waren nicht zu sehen. Das sind Spießerkisten, sagte ich zu Maike, zu der ich jetzt aufgeschlossen hatte. Von was ich sprechen würde, wollte diese Schönheit wissen? Von ihrer Zukunft, sagte ich, aber das verstand dieser Hingucker nicht. Fuck, rief sie plötzlich. Jetzt, fragte ich überrascht. Sie sei in einen Kaugummi getreten, erklärte sie. Fuck, sagte ich und heuchelte Mitleid. Es gibt Momente in meinem Leben, sagte ich, da möchte ich alles beenden. Und zwar auf meine Weise. Ich verspüre den brennenden Wunsch zunächst alle Armaturen wie Wasserhähne, Brauseköpfe und so weiter aus der Wand zu reißen, mögen die Kacheln nur splittern, dann sind die Türklinken dran, weg damit, danach die Fernsehkabel. In jede dieser verpissten Spießerwohnungen möchte ich eindringen. Mit dem Arm die Blumenkübel vom Fensterbrett wischen, das Grillgerät umstoßen, in der Küche möchte ich das Ketchup verspritzen, dazu noch die Spagetti aus der Schachtel kippen und Pulverkaffeee drauf streuen und der erstaunten Hausfrau würde ich ein paar sanfte Ohrfeigen verpassen. Sanfte Ohrfeigen? Warum sanfte Ohrfeigen, wollte Maike wissen. Ich neige nicht zur Gewalt, erklärte ich. Verstehe, sagte Maike. Dann fliegt die Couch Ecktorp von Ikea durch das Terrassenfenster, der Carport wird angesteckt und wenn der Blödkopf von Ehemann, diese Schrunzpfeife  nach Hause kommt, kriegt der gleich einen auf die Nuss. Ich bin mir sicher, dass ich ein Heer von jungen Menschen rekrutieren könnte, so eine Antispießerbrigade, die mir begeistert folgt.  Das sagte ich zu Maike, der kommenden Superschauspielerin. Oder sollte es besser Supersauspielerin heißen? Ob ich in psychiatrischer Behandlung wäre, fragte mich diese Maike.
Ich? Nein, wunderte ich mich. Bei mir ist alles ganz normal. Wie kommen Sie darauf?
Ach, nur so.

Wir erreichten das Fotostudio Mahn, ein mit allen Attributen der Neuzeit ausgestattetes Studio. Die Empfangsdame lutschte infantil sinnlich lächelnd an einem himbeerroten Lolli. Der Shooter Mahn erschien. Und der fragte den Leitwolf, indem er ihn theatralisch umarmte, ob alles regeltechnisch sauber sei. Ich muss dieses peinliche Gewäsch zu Ende bringen. Wir gingen in ein Studio, in dem alles weiß getüncht war. Maike wurde aufgefordert sich einen Badeanzug anzuziehen. Ob es sich um einen Bikini oder einen Einteiler handeln würde, wollte Maike wissen. Das überlasse ich Ihnen,  sagte Mahn galant großzügig  und zentrierte  seine Fotogeräte. Ob die Badeanzüge neu oder schon einmal getragen wären, forschte Maike weiter, sie wolle sich da nichts einfangen. Die sind neu und liegen luftdicht verpackt bereit, beruhigte Mahn und führte aus, dass die  Badeanzüge aus Japan stammten. Die Japaner oder besser die Japanerinnen entwerfen die besten Badeanzüge der Welt. Die sitzen wie Pelle. Mahn lachte, der Leitwolf lachte, aber sonst niemand. Um es kurz zu machen. Der Fotograf knipste eine Reihe von Fotos, die Maike in einem hellblauen einteiligen Badeanzug zeigten. Es handelte sich um 345 Aufnahmen, die nach meiner Meinung den reizvollen Körper plus Kopf von Maike schlüssig unter Beweis stellten. Mit diesen Aufnahmen gingen wir nach einer halben Stunde zurück in die Agentur. Dort erwartete uns leider eine böse Überraschung. Eine Mail von der Knorrgruppe. Die ganze Sache sei abgeblasen worden. Man habe sich zwischenzeitlich mit einer französischen Agentur geeinigt. Für entstandene Auslagen stünde die Knorrgruppe zur Verfügung. Mit freundlichen Grüßen, Doktor Cornelius. Diese Scheißfranzosen, diese Baguettefresser, brüllte der Leitwolf und warf unbeherrscht Buntstifte der Firma Faber Castell an die Wand. Vier Wochen später war die Agentur insolvent. Der Leitwolf ging mit der Artdirektorin in die Rente, ausgerechnet nach Frankreich zu den Franzosen, die ihn wie Fischsuppe abgekocht hatten. Das ist ja so, als ob die Kuh sich noch beim Schlachter fürs schlachten bedankt. Maike setzte ihr Studium als Grafikdesignstudentin fort, futterte brav vegane Kost und surfte am Wochenende mit Kevin Waschbrettbauch über die Ostsee, Oma Jansen führte ihr Hotel und ich stand an der Pommesbude und war arbeitslos.

 

 

 

 

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