Holzscheite und feige Hasen

constantin-hahm-stories2Ich fahre zu meinem Holzhändler, um, wie jedes Jahr, 20 Ster Holz zu bestellen, wobei es nie klar ist, ob dieser  Holzhändler gewillt ist, mir, dem Fremden, etwas zu verkaufen. Bislang hat er das zwar immer gemacht, aber es ist jedes Jahr das gleiche Spiel. Zunächst zieht er immer ein sehr bedenkliches Gesicht, so als müsse er erst darüber gründlich nachdenken, ob ich es wert sei, seine wertvollen Scheite verbrennen zu dürfen. Irgendwie rechne ich immer mit dem Schlimmsten, vielleicht, dass er mir befiehlt drei Stunden im Schlamm zu knien, bevor er mir gnädig etwas verkauft.

Hier im Landstrich ist die Macht der Holzhändler ungebrochen. Wer bei denen in Ungnade fällt, der kann sehen wie er den Winter überlebt.  Deshalb ziehe ich mir meine älteste Cordhose und gammelige Gummistiefel an. Ich wollte kniebereit sein.

Oben auf den Hügeln liegt sein Hof. Eine Festung aus Holz und Stein. Links und rechts am Haupthaus kleben Scheunen, Ställe, Baracken und Garagen. Im Wind quietscht schreiend wie ein Ferkel Wellblech. Auf dem  großen rechteckigen Hof watscheln Gänse und picken hungrige Hühner in pampigen Pfützen nach Würmern. Aus einem Stalltor schielt ein schwermütiger Schimmel. Hunde bellen. Einige zerren an ihren Ketten, andere rasen zum Tor, jaulen und jappen mich an, kleine Viecher sind das, bei denen ich nicht weiß, ob sie höflich oder hinterhältig sind. Das Fell buschig und von einer ähnlichen Farbe wie die Sandsteine unten am Fluss. Die Augen listig, die Zähne scharf, so richtige  Stöberhunde, so echte Knickköter, die den Kaninchen und Hasen auf den Feldern Beine machen. Die schöne alte Eingangstür vom Haupthaus öffnet sich. Der Bauer tritt gnädig ins Freie, im Hemdkragen eine große weiße Serviette, die er nun langsam wie ein Zauberer hervorzieht und in der Luft ausschlägt. Es fliegen aber keine Tauben hervor, sondern nur Brotkrümel. Er wischt sich genüsslich den Mund ab, spuckt einen Speiserest in den Blumenkasten mit den roten Geranien, dann winkt er mir huldvoll zu, fast so, als ob der Papst seinen Segen erteilt. Das nehme ich für ein gnädiges Zeichen. Der Bauer trägt eine dunkle Anzugjacke, die so speckig glänzt als sei sie aus Leder. Die Flanellhose steckt in schwarzen Stiefeln. Der Bauer wirkt schon selber wie ein Holzscheit. Von der Witterung krumm gebogen, durchgetrocknet und blau gegerbt. Dann erscheint die Frau vom Bauern. Sie trägt Holzpantinen, eine blaue Schürze und lacht laut. Um sie herum tanzen bellend vier junge Hunde. Auf den ersten Blick klingt das lustig. Aber so lustig ist es nicht. Die Bäuerin versetzt einem der Hunde einen Tritt mit einer Wucht, als schösse sie einen Elfmeter aufs Tor. Mit hoher Geschwindigkeit fliegt ein Fellbündel jaulend durch die Luft und knallt gegen das Vorderrad eines Treckers. Einen anderen  Hund schießt sie zielgenau in das offen stehende Fenster eines der Kleinsthäuser. In dem wohnt der vierundzwanzig Jahre alte Sohn Pierre, der den Hund genauso schnell wieder in die andere Richtung katapultiert.  Der Bauer öffnet das Tor, begrüßt mich und dann zeigt er mir stolz seine Holzvorräte. Endlose Reihen, sauber gestapelte Stämme, Scheite und Rundhölzer. Dabei deutet er abwechselnd auf die linke oder rechte Reihe und sagt: Verkauft, verkauft, verkauft, so dass mir schon ganz schlecht ist, denn wenn er alles schon verkauft hat, was bleibt für mich? Womit soll ich heizen? Die meisten Bauern benötigen das Holz für sich selbst und sie lieben lange Vorratsreihen auf den Wiesen. Das gibt ihnen das Gefühl der Unabhängigkeit. Aber sie verkaufen auch gerne schwarz. Mein Bauer, ein listiges Kerlchen, der ganz ähnlich wie seine Hunde strukturiert ist, beginnt ein Gespräch über die Ölpreise, über die Macht der Konzerne, über die Anfälligkeit von Pipelines und über die horrenden Dieselkosten. Was meinen Sie, fragt er, was so eine Kettensäge verbraucht? Und von denen habe ich zwölf.

Gott ja, sage ich einfühlsam und klopfe Besitz ergreifend gegen einen der gesägten Holzscheite.
Das ist wirklich gutes trocknes Holz, lobe ich.
Weißbuche. Verkauft. 30 Ster. An ein Ehepaar aus Paris, antwortet der Bauer lakonisch
Wie das duftet, schwärme ich weiter.
Das duftet nach Geld, sagt der Bauer stolz. Diese ganzen vier Reihen hier gehören Pierre. Damit habe ich nichts zu tun.
Wir gehen weiter. Holzreihen rund um den Apfelgarten.
Sie haben es hier oben wie im Paradies, schmeichle ich mit öliger Stimme.
Ja, wir wohnen dicht bei Gott, sagt der Bauer treuherzig. Aber im Winter ist es hier oben sehr kalt. Und im Sommer sehr heiß.
Und die Felder? Gehören die zu Ihnen?
Alle.
Ich bräuchte wieder 18 Ster, sage ich schüchtern.
18 Ster? Die können Sie haben.
Während dieser Worte tritt er mit einer blitzartigen Bewegung einem aus dem Nest gefallenen Spatzenkind, das hilflos im Schlamm kriecht, auf den Kopf, absichtlich. Ich höre  die feinen Knöchelchen bersten. Es klingt, als würde ein Ei am Pfannenrand aufgeschlagen. Ohne weiter ein Wort über seine Handlung zu verlieren, preist er die Qualität seiner Holzscheite. Drei Monate später wird sich Sohn Pierre mit der Schrotflinte erschießen, weil er von der Polizei betrunken am Steuer seines Autos erwischt wird und die Beamten ihm den Führerschein abnehmen. In dieser Gegend hier entscheiden sich die Leute ziemlich schnell und machen, wenn es darauf ankommt, kurzen Prozess. Sie treten Vögeln die Schädel ein, sie schneiden ihren Hunden die Kehlen durch, sie erschießen ihre Frauen, sie hängen sich auf oder werfen sich in die Loire. Dabei ist die Gegend an sich lieblich. Der Fluss ist breit und glänzt wie grüner Autolack. An seinen Ufern wellen sich die Wiesen, auf denen vereinzelt Akazien, Birken und Weiden stehen. Alles hier ist ein Einzelschicksal, egal ob Baum, Bauer oder Brücke. Eine dieser Brücken wölbt sich elegant über den Fluss. Baukunst vom Feinsten. Der Deich ist breit und gut befestigt. Dahinter weite Weiden mit ockerhellen Kühen, Kornfelder und ab und zu ein rotes Dach oder ein blauer Fensterladen oder eine graue schiefe Kirchturmspitze und darüber ein weiter endlos luftiger Himmel, in dem kleine weiße Wolken wie Rasierschaum stehen. Das ist das Szenario, die Stimmung im September. Zum Nachmittag wird das Licht fließend wie heißes, helles  Silber. Enten fliegen schnatternd über die Fischteiche. An den Ufern sitzen unbeweglich drei Angler. Helle Sandwege schlängeln sich zu der Festwiesen und von dort wieder über grün gestrichene Eisenbrücken, an deren Eckpfeilern große Kurbeln angebracht sind mit denen die Schleusentore geöffnet oder geschlossen werden können. Das Wasser steht still, die Mücken tanzen in großen Schwärmen in den Strahlen der Sonne und links in der Senke, wo die drei kleinen Teiche hinter Gebüsch und Hecken verborgen sind, pocht ein Specht. Aber in dieser Idylle, in diesem Frieden gibt es immer einen, der sich gerade umbringen will, der sich auf dem Dachboden aufhängen möchte, der Unkrautvernichtungsmittel trinkt oder der so verzweifelt ist, dass er sich an der Türklinke zu erdrosseln versucht. Das sind die Realitäten hier. In dieser Gegend, in der sich die Leute schon morgens Guten Abend wünschen. Es ist eine alte Gegend wie ja alle Gegenden alt sind, aber hier sieht man das Alter mehr als anderswo. Hier ist es so, dass es niemanden verwundern würde, wenn ein mittelalterlich gekleideter Herr, ein Advokat oder Medikus aus einem der kleinen Fenster schauen würde, während gegenüber an der Apotheke der neuste BMW parkt.

Dieser brutale hinterhältige Vogelmord des Bauern in seinem seltsamen Anzug, stößt mich sensiblen Stadtmenschen natürlich ab. Bei so einem Vogelmörder bestelle ich kein Holz, denke ich. Aber bei wem sonst?  Wie gesagt, der Bauer dort oben am Hügel mit seiner Frau und den Hunden und seinem Sohn, der sich drei Monate später erschießen wird, wegen einer Kleinigkeit, der ist meine einzige Hoffnung den kalten Winter warm am Ofen sitzen zu können. Also bestellte ich 18 Ster Holz. Den Vogelkadaver lässt der Bauer ungerührt im Schlamm liegen. Um vierzehn Uhr würde er die erste Ladung liefern, sagt der Bauer und zählt zum dritten Mal die Geldscheine, die ich ihm gebe.

Um vierzehn Uhr stehe ich im Holzschuppen und warte. Und ich warte und warte. Die Sekunden werden zu Stunden. Ich spüre heißen Hass und Verzweiflung im Körper und im Kopf wälze ich schlimme Gedanken. Hat dieser primitive Mensch, dieser Bastard von einem Bauern unsere Verabredung vergessen oder aber hat er keine Lust einem deutschen Künstler Holz zu bringen oder aber hat sein roter Traktor den Geist aufgeben oder aber hat er sich aus Scham ein Vogelmörder zu sein auf dem Dachboden erhängt? Ich komme aus Hamburg und kann unmöglich in die Gehirne der Berrymenschen gucken. Ihre Handlungen sind mir sehr oft unverständlich, fremd, nicht zu erklären. Um mich zu beruhigen, trinke ich ein Glas Birnenschnaps, natürlich schwarz gebrannt. Wer zahlt schon Steuern an den Staat, wenn er nicht unbedingt muss? Nachdem der Schnaps seine beruhigende Wirkung entfaltet hat, tippe ich auf den Trecker, denn dass ich als Künstler hier in diesem Dorf lebe hat noch nie ein böses Wort hervorgebracht. Dieses Kompliment muss ich der depperten Dorfbevölkerung machen. Möglichkeit eins ist auch unwahrscheinlich, denn die Geldgier vom Holzmann ist sehr ausgeprägt und da ich jährlich achtzehn Ster kaufe, bin ich einer seiner Großkunden. Also wartete ich ergeben weiter.

Um drei Uhr höre ich den Trecker verdieselt bis verblödet heran tuckern. Auf dem Hänger sechs Ster Holz und zwei menschliche Figuren. Dazu der Fahrer. Achtzehn Ster brauche ich. Also kommen sie noch zweimal. Der Bauer, der mir das Holz verkauft hat, hat die Lieferung an den Sohn Pierre übertragen. Der arbeitet als Postbote. Aber nur vormittags. Nachmittags wird das Holz ausgeliefert. Wir stapeln zu viert, Dominique, Pierre, Robert und ich. Robert hinkt und zieht ein Bein  nach. Mit seiner Behinderung bewegt er sich jedoch schneller als ein Gesunder auf zwei Beinen. Das steife Bein beschreibt dabei einen nach außen gezogenen Halbkreis. Seine Kleider sind lumpig und verschlissen. Über den Kopf hat er sich ein rotes Tuch gebunden, welches an allen vier Ecken dicke Knoten aufweist. Eigentlich müsste man darüber lachen, aber man lacht nicht, weil es in seiner Selbstverständlichkeit gut ausschaut. Das schmale Gesicht ist mit braunen Flecken überzogen Die dunklen Augen liegen zurückgezogen in den Höhlen. Robert ist sehr freundlich. Seine Bewegungen sind elegant, seine Höflichkeit ist vornehm. Aus ihm leuchtet der Herbst des Mittelalters und eine edle, vornehme Grundgesinnung. Seine augenfällige Armut und Bescheidenheit trägt er mit Stolz und Würde. Er arbeitet in einer Fabrik, die Gießkannen aus Zink herstellt.  Pierre, der Sohn vom Holzhändler, ist da aus einem anderen Holz geschnitzt. Vierschrötig, nicht unfreundlich aber ordinär und auch brutal. Der dritte im Bunde heißt Dominique. Er arbeitet als Mechaniker in der Garage Damien und ist mein Nachbar von weit gegenüber. Alle drei haben eine unterschiedliche Art die Scheite zu stapeln. Pierre knallt sie wahllos übereinander, egal ob die Scheite schmal, breit, kurz oder lang sind. Er arbeitet hektisch, unüberlegt und viel zu schnell. Seine Schubkarre fällt mehrmals um. Pierre schreit merde. Pierre hasst das Holz. Dominique arbeitet ruhiger, gleichmäßiger, eben wie ein gut eingestellter Motor. Arm- und Beinbewegungen sind harmonisch, aber am besten arbeitet Robert. Der nimmt sie Scheite einzeln vom Hänger. Er schaut sie sich genau an. Er legt sie sanft in seine Schubkarre, als wären es schlafende Kinder. Und genauso legt er sie vorsichtig übereinander, nach Größe und Gewicht sorgsam sortiert. In seinem Stapel entstehen auch keine Zwischenräume, während in der Abteilung von Pierre richtige Löcher glotzen. Nach zwei Stunden ist die Arbeit geschafft. Pierre bugsiert den Traktor mit Hänger rückwärts aus dem Garten. Dabei rammt er erstens das Treppengeländer und zweitens das Gartentor. Robert verabschiedet sich mit höfischen Verbeugungen und Dominique brummt wie ein gut eingestellter Sechszylinder in seiner Garage.

Ich räume den Schuppen auf. Auf der Werkbank liegt eine Zeitung die Dominique vergessen hat. Der Titel lautet: Dieses Jahr sind die Hasen feige. Der Autor beklagt, dass die Jäger bisher noch nicht einen Hasen erlegen konnten. So kann man es auch sehen. Weil sie sich nicht erschießen lassen, sind also die Hasen feige.

 

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Warum ist der Himmel blau?

IMG_0983aAm Samstag, 19. März 2016,  trieb mich der Hunger in die Boulangerie.

Die Schlange der Brotsuchenden ging bis vor die Tür und dort verdrehte sie sich mit der Schlange der Leute, die in die Apotheke wollten. Es ging nicht vor und nicht zurück. Ich rechnete mit langen Wartezeiten. Aber es kam noch schlimmer als schlimm. Vor mir stand schon im Schutze des Ladens eine Frau mit einen Kaben von vielleicht sieben Jahren. Plötzlich fragt der Kabe die Mutter mit vorlauter Stimme:

Mama, pourquoi le ciel est bleu?
Mais aujourdhui, le ciel est gris, antwortet die Mutter.
Ca, je vois, mault das Knäblein, mais demain, demain le ciel doit etre bleu. Pourquoi?
Qui dit ca, will die Mutter wissen.

Die Mutter ist übrigens nicht nach der Chationäser Arme-Leute- Kleiderverordnung  angezogen, nein, die kommt aus Paris, der Stadt der Liebe, allein schon der lindgrüne Jägermantel mit dem beigen Samtkragen, oh, la, la, da fehlt nur der Jagdhund und das fusile de chasse und das chateau en Berry .

La meteo dit ca, j’ai lu ca sür mon Iphone.
Bon, et alors?
Pourquoi le ciel est bleu?

Und dann dreht sich dieser Dreikäsehoch zu mir und fragt:
Monsieur, pourquoi le ciel est bleu?

Peinlicher Moment für mich. In der Öffentlichkeit rede ich ungern französisch, weil ich für die Sprache einfach zu blöde bin.

Anderseits, da fragt ein Kind, da muss ich antworten. Ich sage also:
Ca c’est tres simple, je vais t’exliquer le phanomen. La, tu vois la grosse boule?
Oui, monsieur.
Mais c’est pas une boule,  Ca, c’est le soleil, sage ich,  et la, autre direction, dans la virtine, tourne ta tete, le petit gateau rond, c’est quoi?
Ca c’est une tete de negre.
Non, c’est pas une tete de negre, ce la terre, ca.  Gauche terre, droite soleil, t’a compris, petit homme?
Qui monsieur.

Bon, alors , entre la terre et le soleil il y a une distance enorme, de milliers des kilometres, et pire que ca, tout et pleine de humidité, million des petits gouts. Et si le soleil jette ses rayons de lumiere dans le univers  tout le gouts brille dans un bleu clairs, et c’est pourquoi le ciel bleu. C’est simpel, non?

Leider, leider machte ich aus innerer Begeisterung über meine profunden Kenntnisse drehende Armbewegungen und stieß die elegante Pariserin an den Hinterkopf und sie stuppte ihr Gesicht in ein Kuchenpaket. Der Knabe bekam einen Lachkrampf. Ce drôle, la campagne.

Und ein buckliges Männlein  verlangte in der boulangerie ein Päckchen Aspirin und ein Morphiumpflaster…