Schiffbruch

Coinstantin-Hahm-Blog-Schiffbruch-2018Seit einigen Wochen war die Stimmung in der Agentur gereizt. Man wollte mich loswerden, ausbooten, abschießen, versenken. Besonders das weibliche Personal in dieser Agentur war gegen mich. Mein Job in der Agentur bestand darin, Vorschläge für Produktwerbung zu machen, die dann filmisch umgesetzt werden sollten. Dabei versuchte ich neue Wege zu beschreiten, auf denen mich aber niemand von diesen ignoranten, bornierten und restlos rückständigen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen unterstützen wollte. Wie oft hatte ich schon darauf aufmerksam gemacht, dass die Zeit der simplen Einzelproduktanpreisung längst schon zu Ende gegangen sei, aber von den Leuten hier hatte das noch keiner mitbekommen. Es genügt nicht mehr, erklärte ich immer wieder, dass da eine Frauenhand ein Waschmittel hochhält und sagt, weißer ginge es nicht mehr. Nein, sagte ich, wir müssen kleine Filme zeigen, die so aussehen als seien sie Trailer für Kinofilme, spannend erzählt, mit Spezialeffekten und allen was heute moderne Filmtechnik ausmacht. Aber das Wichtigste, sagte ich zu diesen Käsegesichtern, ist die Story, die Geschichte. Wenn die nicht stimmt, können Sie sich die Babyscheiße in die Haare schmieren, weil kein Kunde die von uns angepriesenen Windeln kaufen wird. Ich will hier niemandem einen Vorwurf machen, aber uns ist doch allen klar, dass wir an zwei Fronten kämpfen. Auf der einen Seite hat uns der Kunde damit beauftragt, sein

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Die chinesische Glocke

constantin-hahm-geschichten-berryDie Ladenglocke tönt. Ich blinzle durch das Dämmerlicht, welches um diese späte Tageszeit meine Räume poetisch unscharf ausleuchtet. Im Türrahmen eine Gestalt. Im rechten Arm hält sie einen  länglichen Gegenstand, der in eine graue Wolldecke eingeschlagenen ist. Die runde Spitze zielt genau auf meine Brust.

Der Ton der Türglocke ist vom Klang zurückhaltend und angenehm. Er verebbt nach dem Anschlag mit wellenhafter Weichheit. Dabei sendet die Glocke positiv harmonische Schwingungen aus, die friedlich stimmen. So steht es in der Packungsbeilage der Glocke, die in China gefertigt wird.

Was bringen Sie mir Schönes?, frage ich durch den Glockenton abgeklärt furchtlos.
Raten Sie, sagt die Gestalt.
Ein Sturmgewehr. Eine AX 40. Das käme von der Länge her hin.
Falsch, sagt die Gestalt.
Dann muss es eine Winchester sein.Auch falsch.Dann bleibt nur noch eine Pump-Gun.
Auch falsch.

Die Gestalt aus dem Dämmerlicht wird beim Näherkommen zu einem jungen Mann, nicht sehr groß, recht dünn mit länglichen leicht verbitterten Gesichtzügen, auf der Nase eine schwarze viereckige Brille. Ein Student, denke ich, der vom wissenschaftlichen Geist, der durch die Hörsäle und Labore, durch die Bibliotheken und Mensen weht, verwirrt ist und  jetzt verzweifelt nach einem stabilen Haltepunkt im Leben sucht. Und deshalb Amok läuft. In meinem Laden. Das wird nie was. Ich erinnere nur an den Glockenton. Positive Schwingungen. Mehr sage ich nicht.

Der junge Mann legt den umwickelten Gegenstand auf den Tresen.

Was glauben Sie was ich bin? Ein Amokläufer?
Tja, sage ich und zucke mit den Schultern. Weiß man’s?
Und gucke mir diesen Jüngling etwas genauer an. Er wirkt auf mich zart aber zäh. So in der Art jedenfalls.

Mit einer schnellen Bewegung schlägt er die Wolldecke zurück.
Was Sie sagen Sie jetzt?
Das habe ich nicht erwartet, staune ich anerkennend.

Das empfundene Glücksgefühl, welches der Glockenton hervorruft, wirkt bei mir diesmal sehr stark, denn ich sehe nicht wie ich erwartet hatte auf ein Sturmgewehr, sondern auf ein weibliches Bein. Aus Holz. Das Bein ist bekleidet. Es trägt einen schwarz schimmernden Schuh mit Absatz und Lederschlaufe. Dazu einen schwarzen Seidenstrumpf ohne Naht, der hoch am  Oberschenkel endete.

Wo haben Sie das denn her?
Vom Phönix. Aus dem Fundus. Ich bin Schauspieler. Wir schließen leider. Das ganze Fabrikgelände ist  an einen schwedischen Investor verkauft.
Aha, sage ich.
Zusätzlich studiere ich aber noch Betriebswirtschaft.
Brav, sage ich. Und was spielen Sie?
Bisher nur Frauen. Im letzten Jahr habe ich eine Kammerzofe gespielt, in einer Nebenrolle, und in diesem Jahr war es eine Schülerin, die sich in ihre Lehrerin verliebt. Die Lehrerin spielt die Autorin des Stücks, gleichzeitig führt sie Regie. Wir machen ein ganz zeitloses Theater. Bei uns kann jeder alles und macht auch jeder alles. Ich habe nicht nur diese Schülerin gespielt, sondern auch noch das Bühnenbild mit gestaltet und in der Technik bin ich für die Ausleuchtung verantwortlich, während die Regisseurin auch noch die Kostüme entwirft.

Ach ja. Ich erinnere mich. Davon habe ich gelesen.
Wie hieß noch gleich die Regisseurin?
Ulrike Rechenbach.
Von Rechenbach?
Ja, aber Ulrike lässt das immer weg.

Ich kannte einen Rechenbach, mit dem habe ich oft Schach gespielt. Der sagte immer, Frauen können ganze Generationen versauen. Der Mann lebt nicht mehr. Er wurde vor etlichen Jahren im Urlaub erschossen. Von der eigenen Frau.
Das müssen andere Rechenbachs sein. Die Eltern von Ulrike leben noch.

Und, frage ich interessiert, wie ist das so Frauen zu spielen?
Das ist einfacher als Sie denken. Kaum trage ich Frauenkleider, fühle ich wie ein weibliches Wesen.
Na, na, zweifle ich, ist das tatsächlich so einfach?
Am Anfang hatte ich natürlich große Probleme, aber ein Satz, den Ulrike mir sagte, hat mir sehr geholfen. Sie sagte: Keine Aufgabe, die auf dich zukommt, ist Zufall. Sie kommt, weil du das Wissen und die Kraft gesammelt hast, um diese Aufgabe zu meistern. Wende Wissen und Kraft an.

Während er mir diese sicher aus mystischen Zeiten stammende Erkenntnis mitteilt, schaut er mich aus seinen rehbraunen Augen so unschuldig und ehrlich wie Bambi im Wald oder Heidi auf der Alm an, dabei bekommt seine Stimme einen mädchenhaft angenehmen Klang. Einen kurzen Augenblick, denke ich, dass das gar kein junger Mann ist, sondern eher eine junge Frau, die einen jungen Mann spielt. Und dieser spielt wieder eine Frau.

Aha, sage ich, und so soll ich wohl auch Ihren Besuch hier in meinem Laden verstehen. Als Aufgabe, die es zu meistern gilt.

Dabei sehe mir dieses Wesen noch genauer an. Die Figur ist knabenhaft und soweit ich das hinter meinem Tresen und durch meine Brille erkennen kann, gut gestaltet. Alles steht in einem harmonischen Verhältnis. Nichts ist zu groß oder zu klein. Aber es wirkt nicht männlich, sondern eben knabenhaft. Knabenhaft weiblich. Der Kopf ein längliches Oval, etwas blass, das Kinn rund, die Lippen eher schmal, die Nase länglich, die Augen schimmern bräunlich bis grünlich, über der Nase zeigt sich eine feine steile Stirnlinie, die dem Gesicht etwas skeptisch Fragendes gibt, die Haare schwarz, im Gesicht nach links gescheitelt, so dass einige Spitzen in die Stirn fallen.

Jetzt schauen Sie mal, sagt dieser Mix aus männlich und weiblichen Bauteilen, nimmt vorsichtig das Bein und stellt es auf den Fußboden. Und das Bein, hübsch gerade gewachsen und gut proportioniert, bleibt tatsächlich stabil stehen.

Na, ist das verkäuflich?
Sicher. Dafür gibt es Liebhaber, sage ich.  Wenn Sie erlauben, möchte ich mir den Zustand des Beines mal etwas genauer ansehen. Warum wollen Sie das Bein eigentlich verkaufen? Gibt es keine Stücke mehr, in denen Holzbeine mitspielen?
Schon, aber wir müssen uns einfach von einigen Requisiten trennen. Wir platzen aus allen Nähten. Das ist ja nicht das einzige Bein. Wir haben 78 davon.
So viele, frage ich erstaunt, und alle sehen aus wie dieses hier?
Im Grunde genommen ja. Die wurden mal von einem Pleite gegangenen Kleiderpuppenhersteller günstig gekauft für ein Stück, das witzigerweise genau das Schicksal dieser Fabrik zum Inhalt hatte. In den Siebzigern wurde das ein paar Mal aufgeführt, aber heute ist das nicht mehr spielbar. Wir wollen höchstens zehn Beine behalten. Sie können also 68 Beine kaufen. Da machen wir gerne einen Preis.

Ohne diesen Kaufvorschlag zu kommentieren, sage ich sachlich:
Legen Sie bitte das Bein zurück auf die Decke. Und ziehen Sie ihm Schuh und Strumpf aus, ich schau mir mal das Holz an. Mit einer Lupe.

Dieses Wesen, dieser mädchenhaft scheue schmale Mann und diese knabenhaft freche junge Frau in einer Person machen sich an die Arbeit. Es zieht dem Holzbein den schwarzen Schuh aus und das so liebevoll und zärtlich, als handele es sich  um das lebendige Bein einer jungen Frau, dem, warum auch immer, ein Schuh ausgezogen wird.

Die Hände  mit den schlanken Fingern lösen zunächst geschickt den schwarzen Spannriemen, dann zieht dieses Wesen den Schuh über die Ferse nach unten, um ihn schließlich vorsichtig über den mit einem Strumpf bedeckten Span des Fußes zu ziehen. Der Schuh wird ordentlich zur Seite gestellt. Jetzt wird der schwarze Seidenstrumpf vom Bein gerollt. Die Hände fassen den Schenkel oben am Rand, innen und außen, und streifen langsam den Strumpf hinunter zum Knie, über das Knie und dann etwas schneller zum Knöchel. Dann greift eine Hand von oben an den Spann und die andere Hand zieht den Strumpf endgültig über den Fuß und die Zehen. Jetzt liegt das Bein nackt auf der Decke.

Ich nehme meine Handlupe und beginne das Bein vom Fuß an zu untersuchen. Das Prüfungsergebnis teile ich sofort mündlich mit. Ich bin in Fällen der Taxierung und Bewertung für schonungslose Offenheit.

Die Kleinzehe, lateinisch digitus minimus, ist gebrochen. Sie  wurde laienhaft angeklebt. Das beweisen die nicht zu einander gehörenden Bruchstellen hier innen und dort und dort. Der Außenknöchel, lateinisch malleolus lateralis, ist durch Abschürfungen, Abnutzungen oder falsche Lagerung beschädigt. Die Wade, lateinisch sura,  ist einwandfrei.  Das Knie, lateinisch genus, wieder mit unschönen Eindrücken gezeichnet, die Kniekehle, lateinisch poples, in gutem Zustand. Der Oberschenkel, Lateinisch femur, hat vorne einen dünnen Einschnitt. Der könnte auch als Eigenart des Holzes angesehen werden. Insgesamt fast sich die Oberfläche…
…lateinisch superficies, ergänzt das Wesen mit gelangweilter Stimme …
… Oberfläche des Beines angenehm an. Glatt, fest, hart, in alle Richtungen. Das ist eine gelungene Arbeit. Ahornholz, wenn ich nicht irre. Der Lederschuh stammt aus den achtziger Jahren, der Strumpf ist wertlos.

Das Licht im Laden hat sich verändert. Die Dämmerung  reicht nun von blauschwarzem Umbra bis zu rötlichem Chromoxydgrün. Deshalb drücke ich einen Lichtschalter und nun leuchteten vier Lampen. Zwei auf meinem Tresen und je eine in jedem Schaufenster.

Ich war letzte Woche beim Zahnarzt, nach langem Herauszögern. Ich hatte mir ein Stück aus einem Zahn gebissen, eine Füllung. Sie zerbrach in zwei Teile. Der größere Teil des Zahnes zerbarst vor etwa vier Monaten. Ich weiß noch wie ich das rausgebrochene Teil auf meinen Teppich spukte. Verächtlich tat ich das. Ich spuckte, nein rotzte das Teil auf meinen Cashwahnteppich, der nichts anderes war als die geknüpfte Karte einer Stadt, umrandet von einer Stadtautobahn und in der Mitte Häuser und Straßen. Und da lag auf einer Kreuzung mein Inlay wie ein aus dem Weltall gefallener Teilchenbeschleuniger, allerdings ohne Verbindung zum Muttergebiss. Sehr wahrscheinlich verstehen Zahnärzte diesen Satz besonders gut. Wenn in einem Satz die Worte Inlay und Muttergebiss auftauchen, müssten doch alle Zahnärzte/Zahnärztinnen in diesem Land  aufmerksam werden. Ich beugte mich aus meinem Sessel nach vorne und beäugte das Inlay argwöhnisch, denn, ich gestehe, ich hatte ja noch ein Stückchen Brot mit einer halben Scheibe Salami im Mund.  Die Scheibe Salami stammte von einer Stangensalamie, die in einer Verpackung mit Biostempel steckte.  Und das Kälbchen von dem die Salami stammte, hieß Johanne und lebte drei Jahre lustig in der Bretagne. Das stand auf der Verpackung.

Ich stand eindeutig unter Schock. Meine Zunge kreiselte über dem Zahnkrater und ich wartete auf den Schmerz. Aber der Schmerz kam nicht. Ich spürte keinen Schmerz. Der Schmerz wollte mich damit quälen, dass er nicht sofort kam, dachte ich zunächst.  Aber auch nach drei Monaten kam er nicht. Wäre er eher gekommen, wäre ich auch eher zum Arzt gelaufen. Aber so? Er lullte mich schmerzlos ein, dieser Schmerz, der nicht kommen wollte. Das war eine grausame Warterei. Vor zehn Tagen habe ich mir dann  diese Zahnruine völlig zerstört. Ich war gerade dabei Huhn vom Knochen zu nagen, da erwischte ich einen kleinen Knorpel und der verklemmte sich in der Zahnruine. Leider biss ich ungeschickt auf ihn, was zur Folge hatte, dass diese Wände dieser Zahnruine nach außen  platzten. Ich habe mich darüber so erschrocken, dass ich bestimmt zehn Minuten wie gelähmt am Tisch saß. Und am nächsten Tag habe ich sofort einen Termin vereinbart, obwohl ich immer noch keine Schmerzen spürte. Das war mir unheimlich.

Meine Mutter war eine geborene Fein. Sie heiratete einen Herren Alt. Deshalb heißt mein Laden auch Fein und Alt. Und mein Vorname lautet Ferdinand. Ich heiße also Ferdinand Alt. Eine Zeit habe ich überlegt, ob ich nicht auch den Namen meiner Mutter im Nachnamen erwähnen sollte. Schließlich ist sie ja diejenige, die mich geboren hat. Ich hieße dann Ferdinand Fein-Alt. Den Laden führe ich seit vierzig Jahren.

Mehr als 20€ kann ich Ihnen leider für das Bein nicht geben.
Das ist zu viel zu wenig.
An was dachten Sie denn?
Mindestens 250.
Da muss ich leider passen.
Gut, dann nehme ich das Bein wieder mit.

Ohne ein weiteres Wort mit mir zu wechseln, griff dieser seltsame Mensch den Schuh, den Strumpf und das Bein und wickelte alles sorgfältig in die Decke, wünschte mir einen schönen Abend und verließ den Laden. Wobei wieder die Türglocke ihren feinen schwingenden Ton hören ließ.

Ich schloss die Augen, legte die Arme ausgebreitet mit den Handrücken auf den Ladentisch und sog konzentriert und sehr entspannt Luft durch die Nase..

Die Stadt in der ich lebe ist im Vergleich zu anderen Städten eher klein, aber sie besitzt einen kosmopolitischen Geist. Der hat sich durch die Lage dieser Stadt ergeben, denn die Stadt  beherrscht ein Tal, durch welches seit über tausend Jahren Karawanen mal von links nach rechts oder von rechts nach links gezogen sind. Die Berge an den Rändern des Tales  sind so hoch, dass es keinen Sinn hatte, diese Richtung als Reiseroute zu wählen, um die Stadt oder das Tal zu vermeiden. Damals haben sich die Leute hier einen Spaß daraus gemacht, diese Karawanen zu überfallen. Schließlich gab es wertvolle Beute. Eines Tages kamen die Schlauköpfe darauf, dass sie rein rechnerisch mehr Beute machen könnten, wenn sie den Karawanen freies Geleit und sicheren Schutz anbieten würden. Gegen Bezahlung natürlich. Auf lange Frist gedacht, kann man damit viel reicher werden als mit diesen sporadischen Überfällen. Und dann fingen die Leute hier an zu investieren. Sie bauten Gaststätten, Werkstätten, Herbergen, Hotels, die bauten eine komplette Infrastruktur auf, um es den durchziehenden Karawanen so behaglich wie möglich zu machen. Gegen Bezahlung. Na und?

Darauf sind die Leute hier schon im 12. Jahrhundert gekommen.

Weltweiter Handel, dieses Modell verkauft das Land seit dem 12. Jahrhundert. Handelst du heute hier, kannst du morgen um die ganze Welt wandeln.

Not hillus an quanti nobeles mundi sert mondis.

Jedes Land, jede Stadt, jedes Dorf besitzt eine volkstümliche Entstehungsgeschichte, eine märchenhafte Sage, eine Legende, wie alles anfing. Das ist hier nicht anders. In diesem Fall wird erzählt, ein Einsiedler sei im Hochwald auf ein verirrtes Mädchen gestoßen, welches ganz erschöpft an einem Baumstamm lehnte. Der Einsiedler, ein mildtätiger Mann,  nahm das Mädchen an der Hand und führte es in seine Hütte. Dort gab er ihm warme Speise und fragte:

Wie heißt du?
Ich weiß es nicht.
Wo kommst du her?
Ich weiß es nicht.
Wohin willst du?
Ich weiß es nicht.
Wie alt bist du?
Ich weiß es nicht.
Wie heißt deine Mutter?
Ich weiß es nicht.
Weiß du überhaupt etwas?
Ich weiß es nicht.
Na ja, sagte der Einsiedler, das ist ja wirklich eine traurige Geschichte.

Es wurde Abend und aus dem Wald wehte es kühl in die Hütte.

Ich werde den Kamin anheizen, bleib du hier am Tisch sitzen. Ich hole Holz, sagte der Einsiedler. Als der Einsiedler zurückkam, saß das Mädchen nicht mehr am Tisch, sondern stand am Bücherbord. Es hielt ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und las mit klarer Stimme den ersten Satz einer Geschichte: Jedes Land hat eine Entstehungsgeschichte. Das war hier nicht anders.

Du kannst lesen, fragte der Einsiedler erstaunt. Wer hat es dir beigebracht?
Ich weiß es nicht.

Der Einsiedler trat an sein Bücherbord, zog wahllos ein anders Buch heraus und sagte.
Ließ das mal.
Und das Mädchen begann zu lesen:

Tags darauf traf der Graf mit seiner Frau und mit der vermeintlichen neuen Braut für seinen Sohn Walther aus Bologna ein. Walter ritt ihnen mit allen geladenen Gästen feierlich entgegen. Jedermann wünschte der neuen Braut Glück und Segen. Diese war ein schönes junges Fräulein von zartem Körperbau, denn sie war kaum zwölf Jahre alt. Nur, es war die falsche Braut.

Hör auf, sagte der Einsiedler, ich habe genug gehört. Bleib bei mir und ich werde dich in allem unterrichten, was ich weiß.

Und so geschah es. Da das Mädchen über eine sehr schnelle Auffassungsgabe verfügte, konnte sie bald alle Sterne im Himmel wie auch jedes Kraut am Wegesrand mit Namen benennen.

Eines Tage wurde der Einsiedler sehr krank und er fühlte, dass er sterben müsse. Er bat das Mädchen ihn an die warme Felswand zu legen, die hinter der Hütte aufstieg. Das Mädchen tat wie ihm geheißen und der Einsiedler starb. Das Mädchen weinte bitterliche Tränen, die auf den Felsen fielen, ihn spalteten und heraus sprudelte das Wasser einer Heilquelle. Denn als das Mädchen dem Einsiedler mit dem Wasser die Lippen benetzte, schlug der Einsiedler wieder die Augen auf und verwandelte sich in einen prächtigen Prinzen, der genau so aussah wie der, von dem das Mädchen immer geträumt hatte. Denn alle Mädchen träumen von einem Prinzen. Das gehört in die Abteilung Weltkulturerbe.

Das  Quellwasser wird heute in Flaschen abgefüllt und weltweit verkauft. Um die Quelle wurde eine Kapelle gebaut. Um die Kapelle später ein Kloster. Um das Kloster noch später eine  Stadt. Und um die Stadt eine Mauer und so immer weiter.

Und die Stadt ist über die Jahrhunderte immer einwandfrei gepflegt worden. Dafür war Geld vorhanden. Weil keine Kriege geführt werden mussten. Was das für Gelder freisetzt ist sagenhaft. So gepflegte und fachkundig bepflanzte Gärten sieht man selten. Ebenso herausgeputzt stehen die Häuser in diesen Gärten. Außer einem aus dem Pflaster heraus gebrochenen Blaubasaltstein habe ich heute Morgen auf einem Spaziergang nichts Ungepflegtes gefunden.  Diesen Stein habe ich sorgsam auf den Briefkasten vorm Haus gelegt.

Die Türglocke tönt. Ich schaut auf, denn, ich gebe zu, ich hing träumend über dem Tresen. Und sehe… und sage:

Waren Sie nicht eben schon hier?
Stimmt.
Aber Sie schauen jetzt anders aus. Irgendwie weiblicher.
Finden Sie?
Ja.
Danke für das Kompliment.
Kompliment?
Ja, ich übe doch. Allein der weibliche Gang hat es in sich. Von der Denke ganz zu schweigen.
Na, sage ich, das bekommen Sie schon hin. Und was verbirgt sich nun wohl wieder unter der Decke? Soll ich raten?
Versuchen Sie es.
Ein Holzbein?
Falsch, ruft dieser Frauenschauspieler. Er reißt die Decke zurück und ich schaue in die Mündung einer Pump-Gun.
Junge, sage ich, mach keine Dummheiten.
Nenn mich nicht Junge, schreit der Schauspieler, ich bin eine Frau, hast du das kapiert, du verkalkter Trottel.
Aber so ganz eindeutig ist das nicht, sage ich.
Ich könnte dir zeigen wie eindeutig das ist. Hier in deinem Kramladen. Auf dem Chesterfield da hinten.
Das ist keine gute Idee, sage ich, da sind die Sprungfedern hin.
Ich mach es  sowieso nicht. Ich vergewaltige keine alten Männer. Ich glaube, ich werde dich lieber erschießen. Schon eine Patrone genügt und du klebst informell gemustert an all den blöden Dingen hier. Ein Spritzer Gehirn hängt an der Wanduhr, die Ohren kleben am Schirm der Stehlampe und der Rest wird auch ein Zuhause finden. Und wie du sehen kannst, hat das Teil hier einen Doppellauf. Aber bevor ich dich kalt mache, will ich noch ein bisschen mit dir spielen.
Das habe ich mir bereits gedacht, denn Sie sind ja ein Schauspieler, da liegt Ihnen das ja im Blut.
Genau. Also tun Sie, was ich Ihnen sage, sonst liegen Sie gleich in Ihrem.
Junge, sage ich, pass auf, dass du nicht unglaubwürdig wirst. Eben noch informell weitflächig getupft und nun eine Lache. Das passt doch nicht zusammen.
Nenn mich nicht Junge, ich habe dich gewarnt. Jetzt nehme ich dich als Geisel. Zur Strafe. Das ist jetzt nicht nur ein Überfall, sondern auch noch eine Geiselnahme. Ich will dir zeigen wie grausam eine Frau sein kann.
Daran habe ich noch nie gezweifelt, sage ich, aber bevor du mich umbringst, habe ein Geschenk für dich.

Ich greife unter den Tresen. Dieses durchgeknallte Zwitterwesen zielt direkt auf meinen Kopf.
Schön langsam, Freundchen.
Hier, sage ich, das ist für dich.
Was ist das?
Eine Glocke aus China. Wenn du dir die an die Tür schraubst, kommst du besser drauf.

Holzscheite und feige Hasen

constantin-hahm-stories2Ich fahre zu meinem Holzhändler, um, wie jedes Jahr, 20 Ster Holz zu bestellen, wobei es nie klar ist, ob dieser  Holzhändler gewillt ist, mir, dem Fremden, etwas zu verkaufen. Bislang hat er das zwar immer gemacht, aber es ist jedes Jahr das gleiche Spiel. Zunächst zieht er immer ein sehr bedenkliches Gesicht, so als müsse er erst darüber gründlich nachdenken, ob ich es wert sei, seine wertvollen Scheite verbrennen zu dürfen. Irgendwie rechne ich immer mit dem Schlimmsten, vielleicht, dass er mir befiehlt drei Stunden im Schlamm zu knien, bevor er mir gnädig etwas verkauft.

Hier im Landstrich ist die Macht der Holzhändler ungebrochen. Wer bei denen in Ungnade fällt, der kann sehen wie er den Winter überlebt.  Deshalb ziehe ich mir meine älteste Cordhose und gammelige Gummistiefel an. Ich wollte kniebereit sein.

Oben auf den Hügeln liegt sein Hof. Eine Festung aus Holz und Stein. Links und rechts am Haupthaus kleben Scheunen, Ställe, Baracken und Garagen. Im Wind quietscht schreiend wie ein Ferkel Wellblech. Auf dem  großen rechteckigen Hof watscheln Gänse und picken hungrige Hühner in pampigen Pfützen nach Würmern. Aus einem Stalltor schielt ein schwermütiger Schimmel. Hunde bellen. Einige zerren an ihren Ketten, andere rasen zum Tor, jaulen und jappen mich an, kleine Viecher sind das, bei denen ich nicht weiß, ob sie höflich oder hinterhältig sind. Das Fell buschig und von einer ähnlichen Farbe wie die Sandsteine unten am Fluss. Die Augen listig, die Zähne scharf, so richtige  Stöberhunde, so echte Knickköter, die den Kaninchen und Hasen auf den Feldern Beine machen. Die schöne alte Eingangstür vom Haupthaus öffnet sich. Der Bauer tritt gnädig ins Freie, im Hemdkragen eine große weiße Serviette, die er nun langsam wie ein Zauberer hervorzieht und in der Luft ausschlägt. Es fliegen aber keine Tauben hervor, sondern nur Brotkrümel. Er wischt sich genüsslich den Mund ab, spuckt einen Speiserest in den Blumenkasten mit den roten Geranien, dann winkt er mir huldvoll zu, fast so, als ob der Papst seinen Segen erteilt. Das nehme ich für ein gnädiges Zeichen. Der Bauer trägt eine dunkle Anzugjacke, die so speckig glänzt als sei sie aus Leder. Die Flanellhose steckt in schwarzen Stiefeln. Der Bauer wirkt schon selber wie ein Holzscheit. Von der Witterung krumm gebogen, durchgetrocknet und blau gegerbt. Dann erscheint die Frau vom Bauern. Sie trägt Holzpantinen, eine blaue Schürze und lacht laut. Um sie herum tanzen bellend vier junge Hunde. Auf den ersten Blick klingt das lustig. Aber so lustig ist es nicht. Die Bäuerin versetzt einem der Hunde einen Tritt mit einer Wucht, als schösse sie einen Elfmeter aufs Tor. Mit hoher Geschwindigkeit fliegt ein Fellbündel jaulend durch die Luft und knallt gegen das Vorderrad eines Treckers. Einen anderen  Hund schießt sie zielgenau in das offen stehende Fenster eines der Kleinsthäuser. In dem wohnt der vierundzwanzig Jahre alte Sohn Pierre, der den Hund genauso schnell wieder in die andere Richtung katapultiert.  Der Bauer öffnet das Tor, begrüßt mich und dann zeigt er mir stolz seine Holzvorräte. Endlose Reihen, sauber gestapelte Stämme, Scheite und Rundhölzer. Dabei deutet er abwechselnd auf die linke oder rechte Reihe und sagt: Verkauft, verkauft, verkauft, so dass mir schon ganz schlecht ist, denn wenn er alles schon verkauft hat, was bleibt für mich? Womit soll ich heizen? Die meisten Bauern benötigen das Holz für sich selbst und sie lieben lange Vorratsreihen auf den Wiesen. Das gibt ihnen das Gefühl der Unabhängigkeit. Aber sie verkaufen auch gerne schwarz. Mein Bauer, ein listiges Kerlchen, der ganz ähnlich wie seine Hunde strukturiert ist, beginnt ein Gespräch über die Ölpreise, über die Macht der Konzerne, über die Anfälligkeit von Pipelines und über die horrenden Dieselkosten. Was meinen Sie, fragt er, was so eine Kettensäge verbraucht? Und von denen habe ich zwölf.

Gott ja, sage ich einfühlsam und klopfe Besitz ergreifend gegen einen der gesägten Holzscheite.
Das ist wirklich gutes trocknes Holz, lobe ich.
Weißbuche. Verkauft. 30 Ster. An ein Ehepaar aus Paris, antwortet der Bauer lakonisch
Wie das duftet, schwärme ich weiter.
Das duftet nach Geld, sagt der Bauer stolz. Diese ganzen vier Reihen hier gehören Pierre. Damit habe ich nichts zu tun.
Wir gehen weiter. Holzreihen rund um den Apfelgarten.
Sie haben es hier oben wie im Paradies, schmeichle ich mit öliger Stimme.
Ja, wir wohnen dicht bei Gott, sagt der Bauer treuherzig. Aber im Winter ist es hier oben sehr kalt. Und im Sommer sehr heiß.
Und die Felder? Gehören die zu Ihnen?
Alle.
Ich bräuchte wieder 18 Ster, sage ich schüchtern.
18 Ster? Die können Sie haben.
Während dieser Worte tritt er mit einer blitzartigen Bewegung einem aus dem Nest gefallenen Spatzenkind, das hilflos im Schlamm kriecht, auf den Kopf, absichtlich. Ich höre  die feinen Knöchelchen bersten. Es klingt, als würde ein Ei am Pfannenrand aufgeschlagen. Ohne weiter ein Wort über seine Handlung zu verlieren, preist er die Qualität seiner Holzscheite. Drei Monate später wird sich Sohn Pierre mit der Schrotflinte erschießen, weil er von der Polizei betrunken am Steuer seines Autos erwischt wird und die Beamten ihm den Führerschein abnehmen. In dieser Gegend hier entscheiden sich die Leute ziemlich schnell und machen, wenn es darauf ankommt, kurzen Prozess. Sie treten Vögeln die Schädel ein, sie schneiden ihren Hunden die Kehlen durch, sie erschießen ihre Frauen, sie hängen sich auf oder werfen sich in die Loire. Dabei ist die Gegend an sich lieblich. Der Fluss ist breit und glänzt wie grüner Autolack. An seinen Ufern wellen sich die Wiesen, auf denen vereinzelt Akazien, Birken und Weiden stehen. Alles hier ist ein Einzelschicksal, egal ob Baum, Bauer oder Brücke. Eine dieser Brücken wölbt sich elegant über den Fluss. Baukunst vom Feinsten. Der Deich ist breit und gut befestigt. Dahinter weite Weiden mit ockerhellen Kühen, Kornfelder und ab und zu ein rotes Dach oder ein blauer Fensterladen oder eine graue schiefe Kirchturmspitze und darüber ein weiter endlos luftiger Himmel, in dem kleine weiße Wolken wie Rasierschaum stehen. Das ist das Szenario, die Stimmung im September. Zum Nachmittag wird das Licht fließend wie heißes, helles  Silber. Enten fliegen schnatternd über die Fischteiche. An den Ufern sitzen unbeweglich drei Angler. Helle Sandwege schlängeln sich zu der Festwiesen und von dort wieder über grün gestrichene Eisenbrücken, an deren Eckpfeilern große Kurbeln angebracht sind mit denen die Schleusentore geöffnet oder geschlossen werden können. Das Wasser steht still, die Mücken tanzen in großen Schwärmen in den Strahlen der Sonne und links in der Senke, wo die drei kleinen Teiche hinter Gebüsch und Hecken verborgen sind, pocht ein Specht. Aber in dieser Idylle, in diesem Frieden gibt es immer einen, der sich gerade umbringen will, der sich auf dem Dachboden aufhängen möchte, der Unkrautvernichtungsmittel trinkt oder der so verzweifelt ist, dass er sich an der Türklinke zu erdrosseln versucht. Das sind die Realitäten hier. In dieser Gegend, in der sich die Leute schon morgens Guten Abend wünschen. Es ist eine alte Gegend wie ja alle Gegenden alt sind, aber hier sieht man das Alter mehr als anderswo. Hier ist es so, dass es niemanden verwundern würde, wenn ein mittelalterlich gekleideter Herr, ein Advokat oder Medikus aus einem der kleinen Fenster schauen würde, während gegenüber an der Apotheke der neuste BMW parkt.

Dieser brutale hinterhältige Vogelmord des Bauern in seinem seltsamen Anzug, stößt mich sensiblen Stadtmenschen natürlich ab. Bei so einem Vogelmörder bestelle ich kein Holz, denke ich. Aber bei wem sonst?  Wie gesagt, der Bauer dort oben am Hügel mit seiner Frau und den Hunden und seinem Sohn, der sich drei Monate später erschießen wird, wegen einer Kleinigkeit, der ist meine einzige Hoffnung den kalten Winter warm am Ofen sitzen zu können. Also bestellte ich 18 Ster Holz. Den Vogelkadaver lässt der Bauer ungerührt im Schlamm liegen. Um vierzehn Uhr würde er die erste Ladung liefern, sagt der Bauer und zählt zum dritten Mal die Geldscheine, die ich ihm gebe.

Um vierzehn Uhr stehe ich im Holzschuppen und warte. Und ich warte und warte. Die Sekunden werden zu Stunden. Ich spüre heißen Hass und Verzweiflung im Körper und im Kopf wälze ich schlimme Gedanken. Hat dieser primitive Mensch, dieser Bastard von einem Bauern unsere Verabredung vergessen oder aber hat er keine Lust einem deutschen Künstler Holz zu bringen oder aber hat sein roter Traktor den Geist aufgeben oder aber hat er sich aus Scham ein Vogelmörder zu sein auf dem Dachboden erhängt? Ich komme aus Hamburg und kann unmöglich in die Gehirne der Berrymenschen gucken. Ihre Handlungen sind mir sehr oft unverständlich, fremd, nicht zu erklären. Um mich zu beruhigen, trinke ich ein Glas Birnenschnaps, natürlich schwarz gebrannt. Wer zahlt schon Steuern an den Staat, wenn er nicht unbedingt muss? Nachdem der Schnaps seine beruhigende Wirkung entfaltet hat, tippe ich auf den Trecker, denn dass ich als Künstler hier in diesem Dorf lebe hat noch nie ein böses Wort hervorgebracht. Dieses Kompliment muss ich der depperten Dorfbevölkerung machen. Möglichkeit eins ist auch unwahrscheinlich, denn die Geldgier vom Holzmann ist sehr ausgeprägt und da ich jährlich achtzehn Ster kaufe, bin ich einer seiner Großkunden. Also wartete ich ergeben weiter.

Um drei Uhr höre ich den Trecker verdieselt bis verblödet heran tuckern. Auf dem Hänger sechs Ster Holz und zwei menschliche Figuren. Dazu der Fahrer. Achtzehn Ster brauche ich. Also kommen sie noch zweimal. Der Bauer, der mir das Holz verkauft hat, hat die Lieferung an den Sohn Pierre übertragen. Der arbeitet als Postbote. Aber nur vormittags. Nachmittags wird das Holz ausgeliefert. Wir stapeln zu viert, Dominique, Pierre, Robert und ich. Robert hinkt und zieht ein Bein  nach. Mit seiner Behinderung bewegt er sich jedoch schneller als ein Gesunder auf zwei Beinen. Das steife Bein beschreibt dabei einen nach außen gezogenen Halbkreis. Seine Kleider sind lumpig und verschlissen. Über den Kopf hat er sich ein rotes Tuch gebunden, welches an allen vier Ecken dicke Knoten aufweist. Eigentlich müsste man darüber lachen, aber man lacht nicht, weil es in seiner Selbstverständlichkeit gut ausschaut. Das schmale Gesicht ist mit braunen Flecken überzogen Die dunklen Augen liegen zurückgezogen in den Höhlen. Robert ist sehr freundlich. Seine Bewegungen sind elegant, seine Höflichkeit ist vornehm. Aus ihm leuchtet der Herbst des Mittelalters und eine edle, vornehme Grundgesinnung. Seine augenfällige Armut und Bescheidenheit trägt er mit Stolz und Würde. Er arbeitet in einer Fabrik, die Gießkannen aus Zink herstellt.  Pierre, der Sohn vom Holzhändler, ist da aus einem anderen Holz geschnitzt. Vierschrötig, nicht unfreundlich aber ordinär und auch brutal. Der dritte im Bunde heißt Dominique. Er arbeitet als Mechaniker in der Garage Damien und ist mein Nachbar von weit gegenüber. Alle drei haben eine unterschiedliche Art die Scheite zu stapeln. Pierre knallt sie wahllos übereinander, egal ob die Scheite schmal, breit, kurz oder lang sind. Er arbeitet hektisch, unüberlegt und viel zu schnell. Seine Schubkarre fällt mehrmals um. Pierre schreit merde. Pierre hasst das Holz. Dominique arbeitet ruhiger, gleichmäßiger, eben wie ein gut eingestellter Motor. Arm- und Beinbewegungen sind harmonisch, aber am besten arbeitet Robert. Der nimmt sie Scheite einzeln vom Hänger. Er schaut sie sich genau an. Er legt sie sanft in seine Schubkarre, als wären es schlafende Kinder. Und genauso legt er sie vorsichtig übereinander, nach Größe und Gewicht sorgsam sortiert. In seinem Stapel entstehen auch keine Zwischenräume, während in der Abteilung von Pierre richtige Löcher glotzen. Nach zwei Stunden ist die Arbeit geschafft. Pierre bugsiert den Traktor mit Hänger rückwärts aus dem Garten. Dabei rammt er erstens das Treppengeländer und zweitens das Gartentor. Robert verabschiedet sich mit höfischen Verbeugungen und Dominique brummt wie ein gut eingestellter Sechszylinder in seiner Garage.

Ich räume den Schuppen auf. Auf der Werkbank liegt eine Zeitung die Dominique vergessen hat. Der Titel lautet: Dieses Jahr sind die Hasen feige. Der Autor beklagt, dass die Jäger bisher noch nicht einen Hasen erlegen konnten. So kann man es auch sehen. Weil sie sich nicht erschießen lassen, sind also die Hasen feige.

 

Warum ist der Himmel blau?

IMG_0983aAm Samstag, 19. März 2016,  trieb mich der Hunger in die Boulangerie.

Die Schlange der Brotsuchenden ging bis vor die Tür und dort verdrehte sie sich mit der Schlange der Leute, die in die Apotheke wollten. Es ging nicht vor und nicht zurück. Ich rechnete mit langen Wartezeiten. Aber es kam noch schlimmer als schlimm. Vor mir stand schon im Schutze des Ladens eine Frau mit einen Kaben von vielleicht sieben Jahren. Plötzlich fragt der Kabe die Mutter mit vorlauter Stimme:

Mama, pourquoi le ciel est bleu?
Mais aujourdhui, le ciel est gris, antwortet die Mutter.
Ca, je vois, mault das Knäblein, mais demain, demain le ciel doit etre bleu. Pourquoi?
Qui dit ca, will die Mutter wissen.

Die Mutter ist übrigens nicht nach der Chationäser Arme-Leute- Kleiderverordnung  angezogen, nein, die kommt aus Paris, der Stadt der Liebe, allein schon der lindgrüne Jägermantel mit dem beigen Samtkragen, oh, la, la, da fehlt nur der Jagdhund und das fusile de chasse und das chateau en Berry .

La meteo dit ca, j’ai lu ca sür mon Iphone.
Bon, et alors?
Pourquoi le ciel est bleu?

Und dann dreht sich dieser Dreikäsehoch zu mir und fragt:
Monsieur, pourquoi le ciel est bleu?

Peinlicher Moment für mich. In der Öffentlichkeit rede ich ungern französisch, weil ich für die Sprache einfach zu blöde bin.

Anderseits, da fragt ein Kind, da muss ich antworten. Ich sage also:
Ca c’est tres simple, je vais t’exliquer le phanomen. La, tu vois la grosse boule?
Oui, monsieur.
Mais c’est pas une boule,  Ca, c’est le soleil, sage ich,  et la, autre direction, dans la virtine, tourne ta tete, le petit gateau rond, c’est quoi?
Ca c’est une tete de negre.
Non, c’est pas une tete de negre, ce la terre, ca.  Gauche terre, droite soleil, t’a compris, petit homme?
Qui monsieur.

Bon, alors , entre la terre et le soleil il y a une distance enorme, de milliers des kilometres, et pire que ca, tout et pleine de humidité, million des petits gouts. Et si le soleil jette ses rayons de lumiere dans le univers  tout le gouts brille dans un bleu clairs, et c’est pourquoi le ciel bleu. C’est simpel, non?

Leider, leider machte ich aus innerer Begeisterung über meine profunden Kenntnisse drehende Armbewegungen und stieß die elegante Pariserin an den Hinterkopf und sie stuppte ihr Gesicht in ein Kuchenpaket. Der Knabe bekam einen Lachkrampf. Ce drôle, la campagne.

Und ein buckliges Männlein  verlangte in der boulangerie ein Päckchen Aspirin und ein Morphiumpflaster…